21.01.2011

Warum ein Herz schlägt

Fern ab von Afrika lieferte man vor ein paar Jahren einen jungen, strammen Elefanten in einen Zoo. Durch Gräben und Gittern von seinen Artgenosse abgegrenzt, tollte er ständig herum und lief den Besuchern solange hinterher, bis sein Gehege endete. Doch seltsamerweise wurde er mit jedem Tag müder und müder. Anfangs bemerkte er diese Veränderung nicht.Aber schon bald ergaben sich die ersten Folgen dieses schleichenden Prozesses:
Er hörte auf, wild herumzutollen und bald danach lief er den Besuchern nicht mehr hinterher, sondern blickte ihnen nur noch träge nach. Dann geschah es, dass der Elefant nicht mehr die Lust und die Kraft aufwenden konnte, um morgens eigenständig aufzustehen. Erst die Pfleger konnten ihn dazu bewegen, sich zu erheben und ein paar kleine Runden in seinem Gehege zu laufen. Doch schon am nächsten Tag gelang den Pflegern dieses Kunststück schon nicht mehr. Nach ein paar vergeblichen Versuchen, dem nun schon älteren Tier ein wenig Lebenswillen einzuhauchen, zogen sie sich enttäuscht zurück und liesen den Elefanten alleine. Erst am späten Abend erhob dieser sich und auch nur deshalb, weil der Hunger in ihm zu einer solch monströsen Größe herangewachsen war, dass es ihm Schmerzen bereitete. Somit trottete er zur Futterstelle, aß sich mit großer Mühe satt und trottete zurück zu seinem Liegeplatz, um sich nieder zulassen. Dort verbachte er die nächsten Tage. Er lag da, wenn die Sonne aufgingen, und er lag da, wenn die Sonne unterging und je weiter die Zeit voranschritt, desto mehr wurde er der Energie zum Leben beraubt und desto weniger Kraft und Willen besaß er, um sich zu erheben. Schließlich verwandelte er sich äußerlich zu einem grauen, atmenden Felsen, den nicht einmal Hunger zum Aufstehen drängen konnte. Er war zum Schatten seiner selbst geworden.
Wohin ist aber seine gesamte Energie, von der er einst soviel besessen hatte verschwunden?
Der Elefant wusste es nicht. Auch die Pfleger konnten sich keinen Reim auf sein Verhalten machen. Sie begann nun, ihn regelmäßig zu untersuchen, fühlten nach seiner Körpertemperatur, schauten, ob er etwas Verdorbenes zu sich genommen hatte, sie überprüften seine Knochen nach Brüchen, die Muskeln und Sehnen nach Rissen, suchten überall nach Entzündungen und möglichen Tumoren. Sie fanden jedoch nichts. Der Elefant schien gesund zu sein.
Als aller letzten verbliebenden Ansatz überprüften sie das Herz des Elefanten und sie stellten schockiert fest, dass dessen Herz nur noch sehr, sehr langsam schlug. Aber warum, konnten sie dennoch nicht beantworten. Da sie daher nicht die Krankheit kannten, die das Herz des Elefanten befallen hatte, konnten sie auch nichts für den Elefanten tun, außer verschiedene Prognosen aufzustellen, wie sich die mysteriöse Krankheit des Elefanten entwickeln würde. Doch egal, welche Faktoren sie mit einberechneten und welche sie weg liesen, sie alle endeten mit einem sehr, sehr frühen Tod des Elefanten.
Eine Woche, so meinten sie zu ihm besorgt, hätte der alte Elefant noch zu leben. Mit dieser schrecklichen Nachricht liesen sie ihn alleine.
Der Elefant rührte bei der Verkündung dieser schlimmen Nachricht nicht einmal ein Augenlied. Mit starren, leeren Augen starrte er vor sich auf den Boden und verbrachte den restlichen Tag wie immer in liegender Position. Er machte sich Gedanken über sein baldiges Ableben. Doch Angst verspürte er keine, nur Trauer darüber, dass er die letzten Tage und Monate seines Lebens mit nichts anderem als Liegen verbracht hatte. All die Zeit: um sonst war sie gewesen. Daraufhin, als er erkannt hatte, dass er sein Leben weggeworfen hatte, vergrub er sein Gesicht und eine einsame Träne floss seine Wange hinab. Mehr vermochte nämlich sein kraftloser Körper nicht mehr hergeben.
Es wurde Abend und schließlich Nacht. Der Elefant blieb wach, seinen Kopf vergraben und gequält von seinen Gedanken. Daher merkte er erst recht spät, dass über ihm am Nachthimmel die strahlend helle Mondscheibe in ihrer prächtigen Größe thronte und einen gelblichen Lichtkegel auf ihn herab warf. Dieser Anblick verzauberte den Elefanten so sehr, dass auf der Stelle all seine Gedanken verflogen waren und er nur noch den Mond anstarren konnte. So vergingen Minuten, in denen er die Welt um sich herum vergaß, in denen der Mond ihm näher zukommen schien.
Plötzlich, der Elefant merkte es gar nicht, so sehr raubte ihn der Mond Sinn und Verstand, regte sich etwas in ihm. Er stand auf, zum ersten Mal seit Tagen. Erst als seine Beine unter dem ungewohnt hohen Druck zu zittern begannen, wurde dem Elefanten bewusst, was mit ihm passiert war.
In diesem Moment geschah dann sogleich etwas Seltsames. Vor den Augen des Elefanten erschien ein zierliches und zugleich bezauberndes fliegendes Wesen, welches zunächst aufgeregt hin und her schwirrte, dann aber zu einer ruhigen Position in der Luft fand.
Von diesem Wesen hatte der Elefant schon oft gehört. Es war eine Fee, die einem einen einzigen Wunsch gewährte. Solche wundersamen Geschichten hatte er jedoch früher immer als alberndes Märchen abgehandelt. Denn er konnte sich so etwas einfach nicht vorstellen. Aber nun schwebte tatsächlich vor ihm eine dieser Feen, die wirklich zu ihm sprach, die sich als Fee sogar vorstellte und ihm letztendlich auch noch eröffnete, dass er einen einzigen Wunsch zur Verfügung hätte, welchen sie ihm erfüllen würde. Seine Zweifel waren somit verflogen und er konnte nur noch staunen, während ihre, in Mondlicht getauchte, bezaubernde Gestalt und die Chance, die ihm hier und jetzt geboten wurde, sein Herz zum Rasen brachten, sodass es in seiner Brust schmerzte. Für einen Moment fühlte sich der Elefant wie in einem Traum. Dann stieß er einfach laut den Wunsch aus, der ihm als erstes in den Sinn kam. Die Fee, ein wenig überrascht von dessen Antwort, warnte ihn daraufhin besorgt, dass er einen einzigen, unumkehrbaren Wunsch hätte. Er solle seine Entscheidung noch einmal überdenken, sonst würde er es irgendwann bereuen.
Doch der Elefant verneinte den Vorschlag der Fee sofort. Denn seit seinem ersten Tag im Zoo wünschte er sich nichts sehnlicher, als mit den anderen dort lebenden Elefanten in einem gemeinsamen Gehege zu sein.


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