07.02.2011

Vom König, der einen Vogel zwitschern hörte

Ich hatte gestern Nachmittag eine Begegnung mit einer Blume. Um genau zu sein, war es die erste Blume dieses noch jungen Jahres. Der Frühling ist folglich nicht mehr weit und anlässlich dieser schönen Nachricht nach dem endlosen Wochen und Monaten des kalten, grauen Winters, wollte ich euch folgende Geschichte näher bringen: 

Ein König, alt und schwach, wachte eines frühen Morgens in seinem warmen Gemach auf. Ein kleiner Lichtstrahl fiel in sein Zimmer und lenkte seine Blicke hinaus in die Natur. Es sah kalt und grau draußen aus. Die Bäume waren kahl, die Gräser blass-blau, die Wolken dunkel und bedrohlich. Doch irgendetwas schien anders zu sein an diesem Morgen als sonst. Zwitscherte da nicht ein Vögel in der Ferne? Wahrhaftig!
"Ein Vogel!", rief der König laut aus und sprang zugleich euphorisch aus seinem Bett. "Ein Vogel! Ein Vogel!" Seine Freude war kaum in Worte zu fassen. Der alte König hatte sich kaum noch im Griff. "Ein Vogel! Ein Voge!", rief er immer und immer wieder, während er heiter barfuß durch den Raum hüpfte.
In der Sorge, dass dem König etwas Schlimmes passiert sei, stürzte alsbald eine Magd in das Gemach. Als sie jedoch den alten König dort tanzen sah, vergas sie all ihre Befürchtungen. Sie blieb abrupt stehen und starrte den König unglaubwürdig an.
"Mein König", stammelte sie, "Was ist denn los? Warum tanzt Ihr und schreit Ih denn so?"
"Ein Vogel!", rief der König daraufhin und sprang vor ihre Füße. "Hören Sie das nicht? Ein Vogel! Ein Vogel!" Doch die Magd verstand nicht. "Das einzige, was ich höre, ist, wie Ihr 'Vogel' rufen, mein Herr. Vielleicht bildet Ihr es euch ja das nur ein." Völlig entsetzt erwiderte der König daraufhin: "Ich bilde mir nichts ein, Magd! Und nun machen sie Platz, ich muss den Boten suchen gehen!"
"Warum um Alles in der Welt wollt Ihr denn jetzt den Boten suchen gehen, mein König? Der gute Mann schläft doch noch!"
Aber der alte König hörte nicht auf die verwirrte Magd. Er hüpfte an ihr vorbei und eilte durch das gesamte Schloss. Dabei rief er immer wieder: "Da ist ein Vogel draußen! Ein Vogel!", wodurch er alles und jeden in den Gemäuern aufweckte. Schließlich traf er den Boten in seiner Kammer an. Da dieser noch in seinem Bett lag, begann der König an dessen Bettdecke zu ziehen. Der Bote war als junger Mann bei Leibe kräftiger als der König, sodass er die Decke erflogreich verteidigen konnte. Aber der alte König gab nicht auf.
"Bote! Nun steht auf! Ich hab eine Nachricht zu vermitteln!", rief er lautstark, um den Streikenden aus den Feder zu bekommen. Daraufhin drehte sich der Bote zum König herum. Er versuchte seinen Ärger zu verdecken. Doch klang dieser in seiner Stimme eindeutig hervor: "Mein Herr, welche Nachricht ist denn von solcher Dringlichkeit, dass sie so früh am Morgen einen Radau veranstelten und das gesmate Schloss aufwecken müssen?"
"Was für eine Frage!", stieß der König sogleich aus. "Es ist eine Nachricht von größter Wichtigkeit! Sie muss das gesamte Königreich erreichen - nein, die ganze Welt soll sie erfahren! Los, reitet hinaus und verkündet folgendes an jedem Ort, wo ein Haus und eine Menschenseele zu gegen sind:  Der Frühling wird; er steht bereits an den Toren!"
Doch auch der Bote verstand das Anliegen des Königs nicht. Er drehte sich nur mürrisch um und versuchte weiterzuschlafen. Den alten Mann nahm er nicht ernst. Daraufhin verlies der König die Kammer empört und suchte den königlichen Stall auf. Dort schnappte er sich das erste Pferd, das seinen Weg kreuzte. Mit diesem ritt er hinaus in die Welt ohne jeglichen Schutz oder Proviant. Denn seine Botschaft war so wichtig, von so großer Bedeutung, dass er sie zu Not selbst austragen musste. Jeder sollte es erfahren:
Der Frühling wird, er steht bereits an den Toren.

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