29.04.2011

Begegnung mit einem Gedanken

Vor ein paar Tagen saß ich im nahen Park auf einer verlassenden Bank, als zufällig ein wunderschöner Gedanke zu mir flog und sich auf meine Hand legte. Innerlich zuckte ich sofort zusammen und auch äußerlich wollte die Bewegung kommen. Doch zu meinem Glück erkannte ich schnell, dass es ein bezaubernder Gedanke war, der mich berührte. So hielt ich still.
Wartend, dass etwas passierte, musterte ich das zarte Geschöpf auf meiner Hand. Es war überzogen mit feinsten Linien und Zeichen. In einem langsamen Rhythmus hob sich sein Körper leicht an und senkte sich wieder.
Es atmete. Es lebte und es trug eine Botschaft.
Doch der Gedanke tat nichts weiteres, als sich auf meiner Hand auszuruhen. Um es seiner Botschaft zu entlocken, musste folglich die Initiative von mir ausgehen. Es war ein gewagtes Unterfangen, denn solche Gedanken der Schönheit galten als flüchtige Erscheinungen. Ein Fehler und die Idee in dem Wesen würde für mich in unerreichbare Ferne rücken.
Ich hatte auch schon seit langen versucht, auf einen so atemberaubenden Gedanken zu stoßen. Dabei hatte ich verschiedenste Dinge versucht, vom Anlocken mit Musik bis hin zur anstrengenden Jagd. Gefangen hatte ich jedoch nie eines dieser wundersamen Geschöpfe, nur diese häufigen Gedanken ohne wirklichen Sinn oder Nutzen.
Aber an jenem Tag sollten meine sämtlichen Bemühungen belohnt werden. Endlich war ich auf Tuchfühlung mit einem der schönsten Wesen des menschlichen Geistes. Einer Idee, so greifbar nah und doch noch so zerbrechlich, bis ich sie erkannt habe.
Ich verfiel der Schönheit des Gedanken bereits nur bei bloßer Betrachtung. Schon zu diesem Zeitpunkt hatte mich seine wage Idee verzaubert. Ich wollte sie erlangen. Ich musste es, denn eine solche Chance würde sich mir bestimmt kein zweites Mal eröffnen.  
Wie hypnotisiert hob ich nun vorsichtig die Hand. Ich zitterte unter enormer Anspannung. Dabei handelte es sich bei diesen wundersamen Geschöpfen um schwerelose Gedanken. Sie bestanden nämlich nur aus reinster, flüchtiger Energie.
Die Anspannung stieg in mir mit jedem Zentimeter, den der Gedanke meinen Augen näher kam. Meine Hand begann unkontrolliert zu zittern. Doch diese verklemmten Bewegungen hielten sich im Argen.
Endlich sah ich das Geschöpf genau vor mir und all meine Ängste verschwanden mit einem Mal. Er war nur knapp zehn Zentimeter von meinen Augen entfernt. Ich spürte nun seinen Atem. Für einen Moment sah es zu mir. Dann durchfuhr irgendetwas meinen Körper. Alles um mich herum wurde ausgeblendet. Nur der Gedanke und ich im schwarzen Raum. Zwei Wesen, die von einander abhängig waren. Wir kamen uns näher, verbanden uns, wurden eins.
Für diesen einen Augenblick schien es, als ob der Gedanke in mich eingedrungen wäre. Dann aber spreizte es seine Flügel aus. Ich, losgerissen aus meiner Gedankenwelt, schrak hoch. Im nächsten Moment sah ich den Gedanken davon fliegen. Ich hatte ihn verschreckt.
Traurig sah ich der schwerelosen Schönheit nach, bis sie meiner Sicht entschwunden war. Wäre doch nur unsere Begegnung länger gewesen, dachte ich mir, so hätten wir uns beide verschmolzen und der Gedanke hätte letztendlich einen Funken in mir gesät. Aber zu diesem Zeitpunkt wusste ich noch nicht, dass er dies schon längst getan hatte.

12.04.2011

Problematiken eines Liebesbriefs

Neuerdings hatte ich vor, einen Liebesbrief an das schönste Mädchen der Welt zu schreiben. Doch leider kam ich nicht so weit, wie ich es mir anfangs erhofft hatte. Nur drei Wörter fielen mir ein. Drei einfache Wörter, welche die Thematik knapp und direkt auf den Punkt brachten. Mit ein wenig Fantasie konnte ich diesen Satz sogar auf ganze 10 Wörter erweitern. Mehr war nicht drin.
Aber ein Liebesbrief musste aus Prinzip länger sein. Man sollte sich Mühe geben und somit nicht nur schriftlich, sondern auch auf kreativer Ebene zeigen, wie sehr man an jemanden hing. Daher überlegte ich weiter angestrengt nach, was ich zu Papier bringen könnte, das meine Gefühle zu diesem einem Mädchen ausdrücken könnte. Nach Tagen kam mir dann die Idee, einfach alles zu erwähnen, was ich so an ihr mag, nämlich: Alles. 
"Toll, noch ein Satz", dachte ich mir, nachdem ich das Wort in einen geeigneten Kontext gesetzt hatte. Vielleicht war dieser Ansatz zu allgemein, obwohl er doch der Wahrheit entsprach. Folglich überlegte ich weiter. Ich musste spezieller werden. Also rief ich in mir alles ab, was mir an ihr bewusst gefiel und kurz darauf fertigte ich aus den gewonnen Daten eine Liste an - eine sehr, sehr, sehr lange Liste, wie sich bald herausstellte. Aber würde ich die Punkte der Liste, in Sätze verpackt, in dem Brief einfach herunterrasseln, liese sich das nicht so schön. Außerdem glaube ich, dass das Erwähnen der feinen Häarchen knapp oberhalb ihres Knies nicht so romantisch wirkt, wie es eigentlich gemeint sein sollte - auch wenn es sich dabei um die schönsten Häarchen auf dem schönsten Knie des schönsten Mädchen der Welt handelte. Deshalb benötigte ich eine neue Idee und fand sie in Form einer geschwollenen Sprache, durch die jene seltsam wirkenden Dinge, als auch die Liste selbst nicht auffielen würden. Aber diese mehr oder minder kitschige Sprache klang im Grunde noch seltsamer als eine simple, kreativlose Liste.
Die Rettung aus diesem Debakel wäre ein Gedicht gewesen. In solcher Form konnte man so geschwollen schreiben, wie man wollte, es wäre als "normal" durchgegangen. Aber auch bei diesem Einfall zeigten sich von Beginn an gravierende Probleme: Da gab es einmal der Sprachrythmus. Denn so etwas wie Rythmus hatte ich nicht im Blut, geschweige denn in den Genen. Selbst beim Tanzen trat ich der Dame unregelmäßig auf den Fuß - meistens dann, wenn sie es am wenigsten erwartete. Aber den Sprachrythmus kann man übergehen, solange sich das Gedicht reimt. Doch auch hier verlies mich die Kreativität, da ich scheinbar das Talent besaß, Verse zu dichten, dessen Enden sich auf kein Wort reimt, das, in einem Satz gepackt, irgend einen Bezug zum Inhalt hatte. Ich konnte nicht mal auf die Standardverse "Rosen sind Rot// Veilchen sind blau" etwas Sinnvolles zu dichten.

Allmählich began ich zu verstehen, was der Satz "Liebe macht blind" unter anderem bedeutete: Liebe macht blind im kreativen Sinne. Alleine der eine Gedanke an das schönste Mädchen der Welt, machte meiner Kreativität einen Strich durch die Rechnung. Mir fiel nichts gescheites ein außer ihre liebliche Gestalt und wenn ich dann doch einen poetischen Satz verfasst hatte, so verwarf ich ihn gleich wieder, weil er einfach nicht gut genug wirkte.

Aber was schien denn schon gut genug zu sein für das schönste Mädchen der Welt?

Den scheinbaren Todesstoß verpassten mir schließlich die Gesprächfetzen von meiner Schwester mit ihren Freundinnen oder anderen Mädchen aus der Schule, welche scheinbar dachten, dass ich als fleißiger Schüler gedanklich tief in der Unterrichtsmaterie befand bzw. mich gar nicht erst bemerkten. Sie lästerten über Jungs, die ihre Zuneigung zu ihnen zeigten und machten daraus die dümmsten und schrecklichsten Dinge der Welt. Zugegeben: Die meisten Jungns, von denen die Rede war, wirkten vom Aussehen etwas seltsam und ihre Methode ihre Gefühle zu zeigen zwanghaft, planlos und bedrängend. Aber trotzdem erfüllten mich diese Gesprächsfetzen, die jene Jungs als Trottel und sogar Psychos darstellten, mit so einer Sorge und so einer Angst, dass ich im Begriff war, meinen Plan aufzuheben.

Ich wollte in ihren Augen kein Trottel oder Psycho sein.

Aber gilt man wirklich als ein Trottel oder Psycho, nur weil man jemanden liebt und es zeigen möchte? Wären dann nicht alle Menschen Trottel? Und wären wir dann nicht alle Psychos?

Dann, völlig überraschend, kam die Wende mit einer Idee, welche mir irgendwann wie aus dem Nichts einfiel. Es handelte sich dabei um eine Metapher für sie, dem schönsten Mädchen der Welt. Sie klang inhaltsvoll und romantisch, gleichzeitig einfach und schlicht. Ich bezeichnete sie fortan als das Licht und fügte manchmal in Gedanken noch "in meinem Leben" hinzu, um mir noch einmal ihre Bedeutung in meinem Leben bewusst zu machen. Sowie ich sie als Licht bezeichnete, fielen mir auf einmal hunderte - nein tausende! - Sätze ein, welche ich ihr und ihrer Schönheit widmen konnte. Scheinbar war die Sprache der Metaphern um einiges leichter als die Tatsache direkt zu beschreiben. So schrieb ich und schrieb ich und schrieb ich. Dutzende Blätter füllten sich. Meine Gedanken und Ideen schienen endlos...

Trotzdem fanden keine dieser Worte einen Weg zu ihr. Ich hatte nämlich keine Ahnung, wo sie wohnte, und ihr den Brief während der Schulzeit unterzujubeln traute ich mich noch viel weniger, als wenn ich sie direkt anspreche und nach einem Date frage. So blieb der Brief und sein Inhalt ein Geheimnis. Ich träume und schwärme weiter und sieche in Trübnis dahin. Den Brief habe ich aber immer noch. Denn es war viel zu viel Arbeit notwendig, um ihn zu schreiben, als dass ich ihn vernichten könnte - und wer weiß: Vielleicht wird sie ihn eines Tages bekommen. Es wäre einer der glücklichsten Tage meines Lebens, egal, ob sie mit ihren Freundinnen darüber lästern wird oder nicht.


02.04.2011

Gefühle einkaufen

Ein Kunde betritt den Laden. Seine Blicke suchen erregt die Regale ab, fixieren dann die Verkäuferin und er marschiert ohne Umwege auf sie zu:

Verkäuferin: "Guten Tag, der Herr. Was wünschen Sie?"
Kunde (etwas hektisch): "Liebe. Ich suche Liebe. Haben Sie das im Angebot?"
Verkäuferin: "Liebe ist leider ausverkauf - Wir hätten da aber noch Angst, Hass oder Verachtung."
Kunde (nach einer kurzen Überlegung): "Führen Sie denn dafür Neugierde im Sortiment?"
Verkäuferin: "Sind Sie denn unter Zwölf?"
Kunde: "Wie? Ich muss Kind sein, um Neugierde zu kaufen? - Na gut, aber was ist mit Träume? Träumen dürfen ja auch Erwachsene."
Verkäuferin: "Für Träume benötigen sie nur den richtigen Optimismus oder Fantasie."
Kunde: "Ah, okay - Dann hätte ich gerne ein Mal Optimismus und - ähm - ein wenig Mut."
Verkäuferin (zögernd):"Tut mir Leid so etwas führen wir hier nicht. Bei uns können Sie nur Gefühle
erwerben."
Kunde (mehr schockiert, als überrascht): "Sind das etwa keine Gefühle?"
Verkäuferin: "Oh nein, mein Herr! Da haben Sie einiges Missverstanden! Mut und Optimismus sind Charaktereigenschaften! - Wir führen hier wirklich nur Gefühle."
Kunde (enttäuscht): "Mh, na dann - gibt es noch Sehnsucht zu kaufen?"
Verkäuferin: "Sehnsucht? Mal schauen." (Sie kehrt dem Mann kurz den Rücken zu und sucht in dem Regal hinter sich nach ein paar verdunkelten Gläsern) "Ah, da haben wir sie ja - Welche Sorte darf's denn sein, der Herr?"
Kunde: "Ich hätte dann gerne die Sehnsucht nach der Liebe."
Verkäuferin: "Jawohl - " (Sie überreicht dem Kunden eines der Gläser "Hier einmal die Sehnsucht nach der Liebe."
Kunde (indem er eifrig nach dem Glas greift): "Danke sehr."
Verkäuferin: "Danke ebenso - Einen schönen Tag noch!"
Kunde (während er den Laden verlässt): "Ja, Ihnen auch!"