12.04.2011

Problematiken eines Liebesbriefs

Neuerdings hatte ich vor, einen Liebesbrief an das schönste Mädchen der Welt zu schreiben. Doch leider kam ich nicht so weit, wie ich es mir anfangs erhofft hatte. Nur drei Wörter fielen mir ein. Drei einfache Wörter, welche die Thematik knapp und direkt auf den Punkt brachten. Mit ein wenig Fantasie konnte ich diesen Satz sogar auf ganze 10 Wörter erweitern. Mehr war nicht drin.
Aber ein Liebesbrief musste aus Prinzip länger sein. Man sollte sich Mühe geben und somit nicht nur schriftlich, sondern auch auf kreativer Ebene zeigen, wie sehr man an jemanden hing. Daher überlegte ich weiter angestrengt nach, was ich zu Papier bringen könnte, das meine Gefühle zu diesem einem Mädchen ausdrücken könnte. Nach Tagen kam mir dann die Idee, einfach alles zu erwähnen, was ich so an ihr mag, nämlich: Alles. 
"Toll, noch ein Satz", dachte ich mir, nachdem ich das Wort in einen geeigneten Kontext gesetzt hatte. Vielleicht war dieser Ansatz zu allgemein, obwohl er doch der Wahrheit entsprach. Folglich überlegte ich weiter. Ich musste spezieller werden. Also rief ich in mir alles ab, was mir an ihr bewusst gefiel und kurz darauf fertigte ich aus den gewonnen Daten eine Liste an - eine sehr, sehr, sehr lange Liste, wie sich bald herausstellte. Aber würde ich die Punkte der Liste, in Sätze verpackt, in dem Brief einfach herunterrasseln, liese sich das nicht so schön. Außerdem glaube ich, dass das Erwähnen der feinen Häarchen knapp oberhalb ihres Knies nicht so romantisch wirkt, wie es eigentlich gemeint sein sollte - auch wenn es sich dabei um die schönsten Häarchen auf dem schönsten Knie des schönsten Mädchen der Welt handelte. Deshalb benötigte ich eine neue Idee und fand sie in Form einer geschwollenen Sprache, durch die jene seltsam wirkenden Dinge, als auch die Liste selbst nicht auffielen würden. Aber diese mehr oder minder kitschige Sprache klang im Grunde noch seltsamer als eine simple, kreativlose Liste.
Die Rettung aus diesem Debakel wäre ein Gedicht gewesen. In solcher Form konnte man so geschwollen schreiben, wie man wollte, es wäre als "normal" durchgegangen. Aber auch bei diesem Einfall zeigten sich von Beginn an gravierende Probleme: Da gab es einmal der Sprachrythmus. Denn so etwas wie Rythmus hatte ich nicht im Blut, geschweige denn in den Genen. Selbst beim Tanzen trat ich der Dame unregelmäßig auf den Fuß - meistens dann, wenn sie es am wenigsten erwartete. Aber den Sprachrythmus kann man übergehen, solange sich das Gedicht reimt. Doch auch hier verlies mich die Kreativität, da ich scheinbar das Talent besaß, Verse zu dichten, dessen Enden sich auf kein Wort reimt, das, in einem Satz gepackt, irgend einen Bezug zum Inhalt hatte. Ich konnte nicht mal auf die Standardverse "Rosen sind Rot// Veilchen sind blau" etwas Sinnvolles zu dichten.

Allmählich began ich zu verstehen, was der Satz "Liebe macht blind" unter anderem bedeutete: Liebe macht blind im kreativen Sinne. Alleine der eine Gedanke an das schönste Mädchen der Welt, machte meiner Kreativität einen Strich durch die Rechnung. Mir fiel nichts gescheites ein außer ihre liebliche Gestalt und wenn ich dann doch einen poetischen Satz verfasst hatte, so verwarf ich ihn gleich wieder, weil er einfach nicht gut genug wirkte.

Aber was schien denn schon gut genug zu sein für das schönste Mädchen der Welt?

Den scheinbaren Todesstoß verpassten mir schließlich die Gesprächfetzen von meiner Schwester mit ihren Freundinnen oder anderen Mädchen aus der Schule, welche scheinbar dachten, dass ich als fleißiger Schüler gedanklich tief in der Unterrichtsmaterie befand bzw. mich gar nicht erst bemerkten. Sie lästerten über Jungs, die ihre Zuneigung zu ihnen zeigten und machten daraus die dümmsten und schrecklichsten Dinge der Welt. Zugegeben: Die meisten Jungns, von denen die Rede war, wirkten vom Aussehen etwas seltsam und ihre Methode ihre Gefühle zu zeigen zwanghaft, planlos und bedrängend. Aber trotzdem erfüllten mich diese Gesprächsfetzen, die jene Jungs als Trottel und sogar Psychos darstellten, mit so einer Sorge und so einer Angst, dass ich im Begriff war, meinen Plan aufzuheben.

Ich wollte in ihren Augen kein Trottel oder Psycho sein.

Aber gilt man wirklich als ein Trottel oder Psycho, nur weil man jemanden liebt und es zeigen möchte? Wären dann nicht alle Menschen Trottel? Und wären wir dann nicht alle Psychos?

Dann, völlig überraschend, kam die Wende mit einer Idee, welche mir irgendwann wie aus dem Nichts einfiel. Es handelte sich dabei um eine Metapher für sie, dem schönsten Mädchen der Welt. Sie klang inhaltsvoll und romantisch, gleichzeitig einfach und schlicht. Ich bezeichnete sie fortan als das Licht und fügte manchmal in Gedanken noch "in meinem Leben" hinzu, um mir noch einmal ihre Bedeutung in meinem Leben bewusst zu machen. Sowie ich sie als Licht bezeichnete, fielen mir auf einmal hunderte - nein tausende! - Sätze ein, welche ich ihr und ihrer Schönheit widmen konnte. Scheinbar war die Sprache der Metaphern um einiges leichter als die Tatsache direkt zu beschreiben. So schrieb ich und schrieb ich und schrieb ich. Dutzende Blätter füllten sich. Meine Gedanken und Ideen schienen endlos...

Trotzdem fanden keine dieser Worte einen Weg zu ihr. Ich hatte nämlich keine Ahnung, wo sie wohnte, und ihr den Brief während der Schulzeit unterzujubeln traute ich mich noch viel weniger, als wenn ich sie direkt anspreche und nach einem Date frage. So blieb der Brief und sein Inhalt ein Geheimnis. Ich träume und schwärme weiter und sieche in Trübnis dahin. Den Brief habe ich aber immer noch. Denn es war viel zu viel Arbeit notwendig, um ihn zu schreiben, als dass ich ihn vernichten könnte - und wer weiß: Vielleicht wird sie ihn eines Tages bekommen. Es wäre einer der glücklichsten Tage meines Lebens, egal, ob sie mit ihren Freundinnen darüber lästern wird oder nicht.


3 Kommentare:

  1. Lustiger Text, aber warum den Brief nicht abgeben, kein Happy End ? ;(
    das finde ich blöd

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  2. Das ist eben das größte Problem eines solchen Briefes. Meistens jedenfalls.

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