Ich verstehe Menschen nicht.
Also ich meine solche, die verwöhnt werden oder gar im Luxus schwelgen, sich dadurch Rechte einbilden, die sie eigentlich nicht besitzen, Pflichten und Grenzen verkennen, die sie respektieren müssten, die Welt einzig allein als Vergnügungsort ansehen, ohne einen Gedanken an die Sorgen der Zukunft zu verschwenden, immer bemüht das eigene Gemüt zu erheitern, so kurzfristig dies auch sein mag, verloren im Rausch der Emotionen und Eindrücke ohne Bezug auf die Realität, die bei weitem nicht so rosig aussieht, wie sie aus ihrer Sicht erscheint. Natürlich darf man aber nicht ständig an die Zukunft denken, alles streng rational und aus einem kritischen Blickwinkel betrachten, Vergnügungen zu Gunsten der Arbeit meiden, immer darauf aus sein sich fortzubilden und über Jahre und Jahrzehnte hinweg zu planen und zu organisieren, nur damit man die letzten Stunden des eigenen Lebens so verbringen kann, wie man es sich vorgestellt hat.
Ich verstehe Menschen nicht, die sich ihrer Probleme nicht bewusst sind, die nicht wissen, warum sie streiten, immer auf ihr Recht beharren, ständig versuchen von sich und den eigenen Errungenschaften kund zu tun, nur um ein wenig Aufmerksamkeit zu erlangen in einer von Marken und Medien kontrollierte Welt, die kaum einen Funken an Individualität mehr zulässt, ohne dass man selbst als Außenseiter zum Rand der Gemeinschaft gedrängt wird. Gewiss darf man jedoch nicht immer nach Auslösern und Gründen suchen, sondern stets darum bemüht sein, das Problem an sich zu lösen. Natürlich muss man ab und zu auf sein Recht beharren, weil man sonst seinen Zielen und Vorstellungen nicht mehr gerecht wird und manchmal ist es auch egal wie tiefgreifend man von der eigenen Umwelt geprägt und kontrolliert wird, solange man sich seiner selbst, seinen Träumen, Idealen und Vorsätzen gerecht wird, solange man seine Meinung bedacht wählt und nicht sofort das ausspricht, was einem in den Sinn kommt, um ja nicht scheinbar den Anschluss an das Gespräch zu verlieren, welches leider meist nur dazu dient, mit seinem aus den verschiedenen, buntern Medien gesammelten Halbwissen zu protzen.
Ich verstehe Menschen nicht, die die Welt zu rosig sehen, sie mit einer Party verwechseln und alles Schlechte verdrängen oder auf die leichte Schulter nehmen. Aber ich verstehe auch diese Menschen nicht, die zu streng mit sich und dem Ganzen sind, die Welt in tiefsten Schwarz versinken sehen, das aller Schlimmste dem Gutem vorziehen und nur die Konflikte der Vergangenheit ergründen, ohne dabei die Probleme des Hier und Jetzt anzugehen. Menschen, die nur reden und beobachten, verstehe ich ebenso wenig wie Menschen, die blind und eifrig in den Kampf rennen und nicht mal einen Gedanken an den Grund verschwenden, warum sie in den Tod stürzen. Weiterhin kann ich nicht nachvollziehen, wieso Menschen nörgeln und meckern, aber nicht zur Tat schreiten, um die Missstände zu beheben; sich von Neid und Hass leiten lassen, die aber nicht zufrieden mit sich und ihren Fähigkeiten sind und mehr auf die Gefühle als auf die Vernunft hören.
Ich verstehe Menschen nicht, die ihr ganzes Leben nur ihr eigenen Wohlstand vermehren und keinen Blick den armen, hungernden und leidenden Menschen widmen, die den Rest der Welt bevölkern. Doch gleichzeitig kann ich mir nicht vorstellen, wie jemand sein ganzes Hab und Gut für die Menschen aufopfert, seine Kräfte und Zukunft allein für die Gemeinschaft verschwendet, ohne sich nach einem Dankeschön oder einer Wiedergutmachung zu sehnen.
Ja, ich verstehe so viele Menschen nicht, diese Extremen unserer Zeit. Die Gesellschaft und die Welt erscheinen mir fremd und rätselhaft wie ihre Beweggründe und Ziele. Aber letztendlich muss ich mir selbst eingestehen, dass ich meine Person selbst nicht immer nachvollziehen kann. Denn, auch wenn ich vieles kritisiere und in Frage stelle, finden einige dieser Dinge auch bei mir ihre Gültigkeit. Ich bin niemand Perfektes. Ich denke viel zu viel und sage viel zu wenig. Ich bin mir bei so vielen im Klaren und ändere doch wieder nichts. Neid und Selbstzweifel zerren an mir und ich komme einfach nicht gegen sie an. Ich scheue die Arbeit, mache mir Sorgen und lebe trotzdem vor mich hin, ohne mir zu überlegen, was ich werden will, ohne zu sehen, was ich eigentlich will und ohne zu wissen, welcher Sinn mein Leben eigentlich erfüllt. Manchmal kann man eben nicht über seine eigenen Schatten und Abgründe springen. Das heißt aber nicht, dass man sie nicht zu kennen oder zu beachten hat, da vielleicht ja eine Brücke über den Abgrund führt oder ein Lichtschalter exestiert, der den finst'ren Schatten verwirft. Wenn nicht, dann sollte man sich einfach seines eigenen Verstandes bedieden* oder - und das möchte ich besonders den Menschen ans Herz legen, die ich nicht verstehe - sich nach folgendem Motto richten:
"Man muss stets sowohl der strengste, als auch der mildeste Richter seiner Person sein. Denn ist man zu milde mit sich, so verkennt man die Welt - doch ist man zu streng, so verkennt man sich selbst."
*kleine Anmerkung:
Falls hier jemand an Imanuel Kant denkt, hat richtig gedacht - wobei seine Übersetzung des lateinischen Satzes "sapere aude" sehr frei Übersetzt scheint. Viel mehr ist es eine Interpretation, als eine wörtliche Übersetzung, die folgendermaßen lauten müsste: "Sei mutig, weise zu sein!". Damit möchte ich nur ein allgemeiens Missverständnis aufdecken, bei dem sicherlich einige (vielleicht wenige) Lateinlehrer sich die Haare raufen werden. Außerdem ist das eine kleine Anlehnung an Kants Essay "Was ist Aufklärung", dessen Inhalt zumindest Stellenweise bekannt sein sollten.
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