24.06.2011

Wie die Welt unterging

Oder: Warum ich einfach nicht meine Finger von rot blinkenden Knöpfen lassen konnte


Das Leben bot schon einige lustige Geschichten. Nun gut - die meisten werden meine Geschichte nicht wirklich unterhaltsam finden, da ich am Ende das Schicksal von über 6 Milliarden Menschen besiegelte. Aber rückblickend betrachtet glaube ich, dass mein Leben, welches von so vielen eigenartigen Zufällen und unglaubwürdigen Ereignissen geprägt wurde, doch irgendwo amüsant war.
Ich wuchs in einer armen Familie auf. Da ich als Kind immer Wissenschaftler werden wollte, schenkte mir meine Eltern mit 8 einen Chemiebaukasten. Zwar war er halb leer (der Kasten gehörte einst dem Nachbarsjungen), aber nachdem ich die fehlenden Chemikalien mit Reinigungsmitteln meiner Mutter gefüllt hatte,  konnte ich einige gute, schön schäumende Experimente machen. Aber mein eigentliches Ziel, eine Explosion, erreichte ich erst drei Jahre später, als ich meiner Mutter beim Kochen helfen wollte. Sie hatte irgendetwas in die Mirkowelle getan, jedoch diese nicht angemacht, da sich wohl noch etwas Metallisches im Essen befunden hatte.
Ich  weiß nicht genau, warum ich es getan hatte. Vielleicht hatte ich einfach nur Hunger und wollte endlich essen. Jedenfalls hatte ich es gesehen und schloss folglich die Mikrowelle. Dann drückte ich den rot leuchtenden Startknopf. Was nun pasierte, geschah wie im Film. Meine Mutter schrie auf, als sie das Summen der Mikrowelle hörte, und schnappte mich. Panisch zog sie mich nach draußen. Kurz darauf ging unsere Küche hoch. 
Die Schäden waren immens und für meinen Vater kaum zu tragen. Ich konnte jedenfalls nie Wissenschaftler werden. Stattdessen musste ich frühzeitig die Schule beenden und suchte mir einen Job, den ich alsbald wieder verlor. Ich lebte vor mich hin, reißte umher, häufte immer mehr und mehr Schulden an. Mein Leben wurde immer dunkler. Ich war nahe dran, aufzugeben.
Anfang des Jahres 2034 bot sich mir dann endlich die Chance, aus meinem Elend raus zu finden. Man stellte mich als Putzkraft im ersten Fusionskraftwerk der Welt ein. Es war zu dem Zeitpunkt noch nicht aktiv gewesen. Die Physiker arbeiteten daran, die neue Technologie so sicher wie möglich zu machen. Am Tag vor der Inbetriebnahme hatten sie schließlich die letzten Probleme und Zweifel aus dem Weg geräumt. Über die Stringtheorie hatten sie in Simulationen alle Gravitatonischen Schwankungen innerhalb der Anlage vorausgesagt. Die Theorien der Quantenmechanik hatten ihnen dabei geholfen, das Verhalten der Teilchen vorherzusagen. Gefährliche potenzielle Quantenfluktuation waren folglich fast ausgeschlossen. Die Anlage war sicher, sicherer als jedes Atomkraftwerk, sicherere als jeder Bunker, sicherer als Fort Knox. Man hätte starten können, wäre der Präsident zu dem Zeitpunkt da gewesen, um das Kraftwerk zu starten. So aber verschob man die Inbetriebnahme um einen Tag - einen Tag, in dessen Nachtstunden ich Putzdienst hatte. 

Ich kann nicht exakt sagen, warum ich es getan hatte. Vielleicht hatte ich zuvor einfach nur ein bisschen zu viel Alkohol getrunken. Aber wer weiß das denn auch schon so genau? Jedanfalls war ich an diesem Abend in der seltsamerweise leeren Steuerungszentrale der Anlage gewesen und sah diesen rot blinkenden Knopf unter einer durchsichtigen Plastikhaube. Es handelte sich dabei um den Startknopf.
Ich blieb vor ihm stehen und starrte ihn für eine Weile an. Mir kam die Frage auf, warum niemand das Kraftwerk starten wollte? Sollte und durfte man überhaupt auf den Präsidenten warten? Meine Zweifel waren berechtigt. Denn die damalige Energiekriese drohte die gesamte Welt aus den Fugen zu werfen. Strom war unglaublich teuer geworden. Manche Familien konnten ihre Wohnung im Winter nicht ein mal mehr Heizen. Autofahren gehörte sowieso schon seite Jahren als Priveleg der Oberklasse.
Ich wusste, dass die Energie des Fusionskraftwerk den ganzen Kontinent mit billigen Strom versorgen könnte. Es würde den Menschen helfen. Es würde die Welt verändert. Warum dann also damit warten? Je früher der Welt geholfen wird, umso besser! Außerdem war es sicher. Es durfte daher nichts passieren, wenn ich als Laie die Anlage einfach aktivieren würde. Folglich brach ich mit großer Mühe die Plastickhaube auf und drückte den rot blinkenden Knopf. Was nun passierte, geschah wie in einem Film: Die Anlage begann zu arbeiten. Ich freute mich, begann zu jolen. Ein Alarm ging an. Dann stürzte der aufsichtshabende Forscher in den Raum. Ich schaute ihn stolz an. In seinem Gesicht sah ich pure Angst stehen. Er schrie mich an. Doch der Alarm war zu laut. Sicherheitsmänner kamen herbei und packten mich. Ich beobachtete, wie der Wissenschaftler an das Kontrollpult rannte. Man zog mich aus dem Raum. Kurz darauf ging der Fusionsreaktor hoch. Mit dem Reaktor das ganze Gebäude. Die Explosion zeriss die Erdkruste. Die Druckwelle verwüstete die Oberfläche. Hitze und Feuer verschlangen alles Leben. Innerhalb von Sekunden verwandlete sich der blaue Planet zu einem toten Felsen.
Das alles passierte nur, weil ich in meiner Versessenheit der Welt zu helfen vergessen hatte, die Kühlaggregate zu aktivieren. Ansonsten wär der Reaktor nicht heiß gelaufen und explodiert. Ich wollte unbedingt der Welt helfen und zerstörte sie letztendlich in meiner Blindheit.

Viele schlimme Dinge geschehen eben aus den Folgen einer eigentlich gut gemeinten Tat. 




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