22.07.2011

Die orangene Fahne

Eine orange Fahne ragte über uns zum Himmel empor.
Wir beide lagen auf den Oberdeck und starrten in den blass blauen Himmel. Vereinzelt türmten sich schneeweiße Wolken zu majestäticher Größe auf. In der Ferne hörten wir das Krächzen der Möwen. Unser Schiff lag ruhig auf dem Meer. Eine Kühle Brise streifte unsere Haut. 
"Es wird kalt", flüsterte er, als sich einer der imposanten Wolken vor die Sonne schob und es mit einem Mal dunkel um uns herum wurde. 
"Ach was", meinte ich gähnend. "Das kommt nur davon, dass du dich nicht bewegst."
"Aber wenn ich mich bewege, beginnt das Schiff an zu wanken!" - Es war ein albernder Einwand, denn wir lagen auf einem größerem, stabilen Segelschiff. Deswegen gab ich nur ein  "Mh..." von mir und belies es dabei. 

Es waren Dialoge, wie diese, welche ich an ihm so mochte. Momente, die unsere Freundschaft zu etwas Einzigartigen machte. Er hatte eine ganz verdrehte Weltansicht. Sie war viel zu verwirrend und komplex, als dass ich sie ohne weiteres Erläutern könnte. Jedenfalls nahm er die Welt ganz anders auf und verstand sie auch anders, als ob sie ganz andere Dimensionen besäße.
Seine Gedanken und Aussagen waren für mich rätselhaft und anziehend zugleich und auch der Grund, warum ich ihn nie mit meinen Freunden traf. Die meisten von ihnen konnten einfach nicht nachvollziehen, dass er auf ganz andere Art und Weise dachte, als ein typischer Jugendliche in seinem Alter. Sie stempelten ihn einfach als Seltsam ab und versuchten ihn zu meiden oder lästerten über ihn, zogen über seine für sie merkwürdigen Aussagen her. Mir wurde immer schlecht, wenn sie in meiner Anwesenheit über ihn sprachen, als ob er ein Idiot wäre.
Klar, er war vielleicht eigenartig. Aber er war keines Falls ein Idiot.

"Was denkst du gerade?", fragte ich nach einiger Zeit. Wir hatten uns keinen Zentimeter berührt, sondern liesen uns von der Stille umhüllen und genossen das Meer mit seinen ganzen Eindrücken. Ich fragte soetwas öfters, wenn wir beisammen saßen oder lagen und einfach die Stille genossen. Es interessiert mich eben, was für merkwürdige Denkprozesse in seinem Kopf vorgingen.
Die Sonne zeigte sich wieder. Es wurde schlagartig warm.
"Ich betrachte die orangene Fahne da oben am Mast", antwortete er nach einem Moment des Genusses der warmen Sonnenstrahlen.
"Die ist mir auch schon aufgefallen", sagte ich und erinnerte mich, dass der Wind dort oben heftig an der Fahne gezehrt hatte. Deshalb fügte ich hinzu: "Über uns scheint wohl ein ganz schön starker Wind zu wehen."
"Ja, das tut er - meinst du, dass der Wind sie fortreisen möchte?"
"Wer weiß das schon..."
Wir schwiegen wieder. Ich vergaß das Thema. Er aber blieb an seiner Überlegung dran und baute sie aus, indem er ein paar Minuten später meinte: "Vielleicht will die Fahne ja von dem Fahnenmast los kommen, indem sie von dem Wind hinaus aus Meer fortgerissen wird." 
"Warum würde die Fahne denn fliehen wollen?"
"Würdest du für dein Lebenlang an einem Mast gefesselt sein?", fragte er daraufhin. Ich musste lächeln. Ich glaubte zu wissen, worauf er hinaus wollte. "Naja", überlegte ich laut, "Vielleicht ist es ja die Bestimmung der Fahne, dort oben zu hängen..." Er dachte kurz nach und erwiderter dann: "Aber ein Elefant, der in einem Zoo geboren wurde und aufwächst, hat auch eine Bestimmung, die ihm im Vergleich zur Freheit nicht wohl bekommt." Ich fand den Vergleich im ersten Moment etwas albernd. "Aber der Elefant wird kaum lang in der Freiheit überleben können."
Er lachte nur und drehte sich zu mir um.
"Denkst du denn, dass die Fahne draußen auf dem Meer überleben wird?"

Damit endete unser kleiner Dialog. Die philsophische Bedeutung dahinter wurde mir erst viel später, bewusst, so wie es bei einer Vielzahl unserer Gespräche der Fall war. Einige verstehe ich jedoch bis heute nicht.

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