08.07.2011

Ein kurzes Gespräch über die Welt

"Lass uns über die Welt reden, Thomas!"
Ich starrte den alten Mann neben mir verdutzt an. Wir saßen im Park auf einer Bank im Schatten einer großen, alten Eiche. Ich hatte schon seit einer längeren Zeit auf der Bank gesessen. Der mir fremde Mann war etwas später dazugekommen. Es hatte mich schon zu diesem Zeitpunkt gewundert, warum sich der alte Mann neben mich gesetzt hatte und nicht eine der zahllos anderen leeren Bänken gewählt hatte. Seine überraschende Aufforderung, die durch die Nennung meines Namens sogar unheimlich wurde, folgte nur fünf Minuten später. 
Ich wusste zunächst nicht, was ich sagen sollte. Für einen Moment starrte ich den Mann nur an, versuchte Blickkontankt herzustellen, wodurch mir dessen faltiges Gesicht vielleicht unter Umständen bekannt vorkommen könnte. Aber er blickte steif geradeaus. Gehstock und Hut lagen zwischen uns.
"Kennen wir uns?", fragte ich nach einer Weile zögernd. "Ich kenne Sie, Thomas. Aber Sie werden mich bestimmt nicht kennen." Er kicherte, was eher einem dumpfen Brummen ähnelte. "Also was ist? Wollen Sie über die Welt reden?"
"Wer sind Sie?"
"Das braucht Sie eigentlich nicht zu interessieren. Viel eher sollte es Sie interessieren, dass jemand mit ihnen reden möchte und auch noch über ein großes, bedeutsames Thema, Thomas. Wie wär's nun?"
Ich hörte dem Mann gar nicht zu. Ich war viel zu verwirrt, als dass ich auf ihn eingehen könnte. Denn immer noch wunderte es mich, dass er mich kannte. Mich! Einen bedeutungslosen niemand! Ich hatte einen einfachen Schreibtischjob, einen bescheidenen Freundeskreis. Man kannte mich nicht, ohne dass ich einen kannte. Wer war alsodieser alte Mann? Er kam mir nicht bekannt vor. Seine Stimme erinnerte mich an niemanden. Ich fragte noch mal: "Sind wir uns wirklich noch nicht begegnet?"
"Doch, doch!", antwortete der Mann daraufhin. Er blickte mir direkt in die Augen. "Aber Sie werden sich nicht daran erinnern. Das tut keiner."
"Wie meinen Sie das?"
"Ich kenne viele Menschen. Die meisten sogar sehr gut."
Ich wollte etwas sagen, belies es aber bei seiner Aussage und starrte vor mich auf den Boden. Der alte Mann wurde mir allmählich wirklich unheimlich. Für was hielt er sich, dass er solche Aussagen treffen konnte? Ein peinlicher Gedanke beschlich mich. Vielleicht war er ja Gott. Aber selbst ich konnte mir dies nicht vorstellen, bis der alte Mann folgendes sagte: "So sind sie, die Menschen. Sie wollen mich nie sehen, nur dann, wenn sie unglücklich sind."
"Sind Sie Gott?", fragte ich sofort und wurde gleichzeitig etwas rot im gesicht.
"Pah! Nein! Dass daran alle Menschen sofort denken müssen, wenn sie mir begegnen! Als ob Gott da oben nichts besseres zu tun hätte, als zu einzelnen von uns herunter zu kommen und ausgiebig über den Sinn des Lebens zu diskutieren!" Er lachte laut, was mir weiter die Röte ins Gesicht trieb. Aber jedenfalls gab es mir die Gewissheit, dass es sich bei dem alten Mann um einen Menschen handelte, der sich vor allem selbst als Menschen sah. Aber trotzdem blieb er mir merkwürdig. Deshalb versuchte ich nichts zu sagen, traute mich nicht einmal mehr zu rühren, damit er endlich aufhörte mit seinem seltsamen Gerede. Dies funktionierte auch für eine Weile. Eigentlich hätte ich einfach weggehen müssen. Doch so unhöflich wollte ich mich dann auch nicht benehmen. Er sollte als erstes die Bank verlassen, was er jedoch einfach nicht tat. Wir schwiegen folglich vor uns hin.
Die Zeit verging oder verging nicht. Ich wusste es nicht. Auf die Uhr wollte ich nicht schauen. Jedenfalls fühlte es sich wie eine halbe Ewigkeit an. Ein quälendes Gefühl, das mich langsam innerlich zereisen drohte. Zudem stieg in mir auf einmal etwas Neugierde hoch. Irgendwie wollte ich schon über die Welt reden. Ich zögerte jedoch damit, das Gespräch zu beginnen, bis ich es schließlich einfach nicht mehr aushalten konnte.
"Über was genau gedenken Sie zu diskutieren?", fragte ich leicht stockend. Der alte Mann schielte aus den Augenwinkeln zu mir hinüber. Er lächelte siegessicher. 
"Über was Sie wollen. Die Welt ist groß. Es kann viel in ihr verborgen liegen."
"Na schön", meinte ich und beugte mich nach vorne. "Finden Sie, dass die Wet ein guter oder schlechter Ort ist?"
Der alte Mann lachte. Scheinbar hatte er mit der Frage gerechnet. "Ein guter Ort", antwortete er schließlich. "Die Welt ist ein guter Ort, weil es immer noch Menschen gibt, die mit mir über große Dinge diskutieren wollen." Ich lächelte.
"Was ist mit Ihnen, Thomas? Ist die Welt das Paradies oder die pure Hölle?"
"Weder noch..."
"Was dann?"
Ich zögerte. Wie sah die Welt für mich aus? Eine Frage, mit der ich mich noch nie wirklich beschäftigt hatte.
"Zur Zeit erscheint sie unfreundlich", meinte ich, ohne überhaupt zuvor einen Gedanken geformt zu haben. Der Satz schoss einfach so aus mir heraus. Es verwirrte mich und ich blickte rätselnd zu dem alten Mann. Aber er war plötzlich verschwunden. Wie in einem schlechten Film.
Ich blieb noch einige Zeit auf der Bank sitzen. Vielleicht hoffte ich darauf, dass der alte Mann wieder käme, um unseren angebrochenen Dialog weiterzuführen. Andererseits ist mir etwas klar geworden, nämlich dass ich mit der Welt nicht zufrieden war. Warum? Diese Frage versuchte ich nun auf der Bank sitzend zu beantworten.



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