M erwacht überraschend in einem Gerichtssal. Er sieht den Richter und den zwischen unzähligen Papierenstapeln eingeschlafenen Staatsanwalt. Er selbst sitzt in der Mitte des Raumes. Um sie herum war alles Weiß wie in einem Traum.
Der Richter (in einem rauhen Tonfall): "Mein Herr, wissen Sie, warum Sie hier sind?"
M (völlig verwirrt und etwas verträumt): "Nein! Und überhaupt: Wo bin ich hier? Im Gericht? Warum? Was hab ich getan?"
Richter (etwas verärgert): "Mein Herr, Sie wollen mich wohl veralbern! Haben Sie etwa die vergangenen Tage verschlafen?"
M (immer noch sehr verwirrt): "Nein - Ja - Nein! - Also ich bin hier aufgewacht. Aber gestern bin ich ins Bett gegangen. Ich bin mir dabei ziemlich sicher, Herr Richter. Welchen Tag haben wir denn heute? Gestern war der 17. Das weiß ich noch. Also, welchen Tag haben wir heute?"
Richter: "Zeit spielt hierbei keine Rolle."
M (jetzt etwas verzweifelt und bettelnd): "Aber ich bitte Sie darum! Nur um das eine! Nur um jetzt zu beweisen, dass das alles hier ein Irrtum ist!
Richter (nachgebend): "Na gut" und brüllt: "Staatsanwalt!"
Staatsanwalt wacht erschrocken auf: "Ja? - Achso, die Anklage - Ähm, wo hab ich sie denn..."(wühlt in den Unterlagen herum)
Richter:"Nicht die Anklageschrift! Das Datum!"
Staatsanwalt (unbeirrt): "Achso, Herr Richter, ich verstehe -" Sucht weiter in den Unterlagen, bis er ein Pergament hervorzieht und es überfliegt. "Also vor drei Tagen war die Verabredung des Angeklagten mit der jungen Dame K."
M (jetzt hellwach und entsetzt): "Was zum... Woher wissen Sie das?!"
Richter: "Unsere Quellen sind nicht vom Belangen! Jedenfalls wissen Sie das Datum. Waren Sie die letzten drei tage wach?"
M (nachgebend): "Ja..."
Richter: "Dann sitzen Sie zu Recht hier." Zum Staatsanwalt gewandt: "Staatsanwalt!"
Der Staatsanwalt, der sich wieder hingelegt hat: "Die Anklageschrift?"
Richter: "Die Anklageschrift, bitte."
Staatsanwalt: "Na endlich - Moment, ich suche sie für Euch heraus." Wühlt sich wieder durch die Papiere durch und streckt schließlich triumphierend ein Stück Papier heraus. "Ach, hier ist sie ja!" Steht auf. "Also, meine Damen und Herren, Herr Richter." Mit herabwürdigend Blick zu M: "Angeklagter." Wendet sich wieder an den Richter: "Der Angeklagte, M, wird des skrupellosen Zerschlagends der Hoffnung zweier Liebenden beschuldigt. Hinzu kommen tiefe Depressionen und die Verdunkelung und Sinnentleerung der eigenen Welt."
Richter: "Danke, Staatsanwalt. Sie können sich wieder setzen - Oder legen. Wie es ihnen beliebt - Will sich der Angeklagte sich zu den Vorwürfen äußern."
M, der sich nun völlig veralbert vorkommt: "Das ist doch alles lächerlich hier!"
Richter (mit ein wenig Enttäuschung in seiner Stimme): "Also nein - Kommen wir folglich zum Urteil -"
M unterbrechend und völlig entsetzt: "Wie bitte!? Keine Verteidigung? Hab ich kein Recht darauf?"
Richter: "Doch, aber sie meinten ja vorhin, dass dies alles hier lächerlich sei. Somit nehmen Sie das alles hier nicht ernst. Staatsanwalt..."
M den Richter wieder unterbrechend: "Warten Sie noch! Aber sie müssen doch beweisen, dass ich schuldig bin!"
Richter: "Nicht hier."
M: "Nicht hier? Nicht hier? Wo sind wir denn? In einem staatlichen Gerichtssal sicherlich nicht!"
Richter belächelnd: "Nein. Was haben Sie sich denn gedacht! Lächerlich - wie es Sie ausdrücken würden."
M (zwischen hoffnungsvoll und völliger Verzweiflung): "Aber einen Verteidiger habe ich doch, oder? Oder?"
Richter: "Natürlich. Den haben Sie, doch lassen Sie ihn nicht zum Wort kommen."
M: "Wie bitte? Was meinen Sie damit? Wen meinen Sie damit?"
Richter: "Ich meine damit Ihre Vernunft, die in Ihrem Anflug von Wut und Verwirrung untergegangen ist. Aber jetzt ist es eh zu spät." Wendet sich zum Staatsanwalt, ohne dabei auf M zu achten "Staatsanwalt!"
Staatsanwalt schreckt auf: "Was? Ja? Die Anklageschrift..."
Richter: "Nicht die Anklageschrift! Sondern auf welche Strafe plädieren Sie?"
Staatsanwalt (unbeirrt): "Achso, die Strafe - Mal schauen..." Er sucht wieder zwischen den Papiern nach. Findet aber scheinbar nichts passendes. "Schwer zu sagen, Herr Richter. Ich denke -" Findet schließlich ein Schriftstück, was ihm gefällt. "Ja ich glaube das ist gut. - Wir plädieren auf Selbstmord!"
M will sich empören. Richter kommt ihm aber zuvor: "Verteidiger, auf was plädieren Sie?"
M empört und entsetzt zugleich: "Selbstmord?! Was zum..."
Richter M unterbrechend: "So soll es sein. Das Urteil sollte die nächsten 24 Stunden vollzogen werden. Einen schönen Tag noch." Er steht auf und will den Raum verlassen.
M: "Was?! Wie? Das kann doch - das kann doch nicht angehen! -" Er steht auf und eilt dem Richter hinterher. "Herr Richter! So warten Sie doch!"
Richter bleibt daraufhin stehen: "Warum solte ich warten? Sie hören doch nicht zu! Warum sollte ich dann auf Sie hören? Sie hören sich doch selbst nicht zu."
M (zögernd): "Aber - "
Richter: "Ihr 'Aber' wird Ihnen nicht helfen. Es war doch Ihre Schuld, es waren Ihre Fehler, dass die Dame K. nichts mehr von ihnen wissen möchte, oder? Deshalb stürzen Sie sich in solche Depressionen! Deshalb halten Sie nichts mehr von der Welt! Finden Sie sich folglich damit ab oder gehen Sie dem Urteil nach."
Der Richter verlässt schließlich den Saal. M schaut ihm sprachlos nach. Der Staatsanwalt ist wieder schnarchend zwischen seinen Papierbergen eingeschlafen.
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