15.10.2011

Abgrund

"We are standing on the edge."

Diese Ruhe vor dem Sturm, wenn alles so still und friedlich erscheint, doch man weiß, dass etwas großes auf einen zukommt. Die Stimmung ist angespannt und magisch zugleich. Sie ist elektrisierend. Man will was tun, doch man ist gezwungen abzuwarten. So hab ich die Welt gesehen. So habe ich es gespürt und danach gelebt. Zwar verändert sich die Welt ständig, doch selten steht sie vor einem Umbruch. Und auf diesen Umbruch warte ich. 

Es geschah so einiges und es wird noch viel mehr geschehen. Wir befinden uns in einer Zeit des Sturm und Drangs. Immer besser und immer schneller müssen wir werden, mehr schaffen, mehr leisten, mehr aushalten.  Gleichzeitig werden wir gestopft und gestillt mit einer Flut aus Eindrücken. Unzählige bunte Bilder, grelle Lichter, verzerrte, laute Musik belasten, ermüden und überfordern unseren Geist. Immer weiter und weiter rasen wir auf den Abgrund zu, getrieben vom Leistungsdruck, geblendet vom Massenkonsum. 

Schon längst sind die bunten Farben der Welt in meinen Augen verblasst. Der Herbst steht in voller Blüte. Ihm wird bald der trostlose Winter folgen und ich blicke einer trüben Zunkunft entgegen. Sie ist dunkel und kalt. Ich warte immer noch auf einen Umbruch. In der Welt scheint er begonnen zu haben. Wenigsten hat man sich dazu getraut, einen Sturm heraufzubeschwören. Doch ob er kommen wird oder die Menschen dem finsterem Winter überlassen werden, wird einzig die Zukunft zeigen.

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Oberes Zitat stammt aus dem Song "Lucky" von der britischen Band Radiohead

06.10.2011

Betreten Verboten

Ein "Betreten Verboten" - Schild hing vor dem Raum des Glücks und brachte den knittrigen, alten Mann dazu, ein leises "Menno!" zu zischen, welches gleichzeitig von einem wütenden Stampfer begleitet war. "Ich bin so lange gereist", schnaufte er erbost, "und jetzt verbietet man mir den Eintritt?" Er zeigte der vor ihm geschlossenen Tür drohend seinen Gehstock.
"Unerhört ist das!" 
Doch die Tür regte sich nicht. Niemand hatte den Protest des Alten gehört. "Wenn ich überlege", sagte er, als er sich erschöpft und resignierend von der Tür wegging, "Wenn ich überlege, dass ich als junger Mann los gezogen bin, nur um diesen Raum zu finden..." In dem Moment warf er dem Schild einen verächtlichen Blick zu. "Vielleicht hätte ich in der Heimat bleiben sollen, bei meiner Familie und meinen Freunden. Ich hätte eine Ausbildung begonnen, einen Arbeit bekommen und irgendwann ein kleines Haus gekauft, das ich sicherlich mit meiner neugegründeten Familie bewohnen würde." 
Der alte Mann stoppte und atmete tief durch. "Ja", dachte er sich, "das wäre passiert, wenn ich nicht losgezogen wäre. Aber ich bin los gezogen!" Mit einem Mal drehte er sich zur Tür um und riss seinen Gehstock in die Luft. "Ich bin losgezogen, um dich zu finden! Und jetzt lass ich mir von einem albernen Schild den Eintritt zu dir verbieten?" Für einen Moment starrte er das Schild an. Sein Gehstock näherte sich wieder dem Boden. "Das ist doch lächerlich", flüsterte er schließlich verärgert. Eigentlich musste er nun zur Tür hinüberlaufen, sie einfach öffnen und hinein gehen, ohne dabei das Schild einen Augenblick lang zu beachten.  Dann wäre er endlich angekommen im Raum des Glücks. Doch seine alten, schwachen Beine widersetzten sich. Sie wollten ihn nicht tragen. Sie wollten nicht dafür verantwortlich sein, dass er die Anweisung des Schildes missachtete und unerlaub sich zutritt zu dem Raum verschaffte. Aber verschwinen, endlich nach Hause gehen, konnte der Alte auch nicht. Zu groß waren sein Stolz und das Verlangen nach jenem rätselhaften Raum. So blieb ihm nichts anderes übrig, als zu warten - in der Hoffnung, dass irgendwann irgendwer zu ihm stieße, der die Verantwortung trug, jenes Schild abzuhängen.
Doch es sollte niemand kommen.