"Have Yourself a Merry Little Chrismas", flüsterte M. als er auf die hellerleuchtete Stadt herabblickte. Ein eiskalter Nachtwind blies ihm ins Gesicht. Vielleicht hätte er nicht auf den alten Turm steigen sollen. Aber daheim am Computer oder vor dem Fernseher vermodern wollte er dieses Jahr nicht. Dabei hätte es nicht so kommen müssen. Seine Schwester hatte ihn zu einer kleinen Familienfeier eingeladen. Doch M. hatte abgelehnt. Er wusste nicht, was ihn dazu getrieben hat. Die Kochkünste seiner Schwester waren es sicherlich nicht gewesen. Vielleicht die Kinder. Aber da er nahe einer Autobahn lebte, war er einen gewissen Lärmpegel gewohnt.
Nein, es hatte einen anderen Grund. M. war ein sehr einsamer Mensch, was er zwar imme wieder läugnen würde, aber im Grunde genau wusste. Er hatte niemanden, dem er sich anvertrauen konnte, niemanden dem er Gefühle offen und ehrlich zeigte. Über Jahre hinweg hatte er sich isoliert, ähnlich einem Mönch, der sein Lebenlang alleine in einem Kämmerchen auf Erleuchtung wartete. Nur besaß M. im gegensatz zu dem Mönch keinen Glauben, sondern nur die billige, oberflächige Unterhaltsungs- und Verdummungsmaschinerie einer von Konsum geprägten Welt - also nichts, wofür es sich zu leben lohnte. Dazu benötigte es erst einen Menschen. Es müsste dabei nicht mal eine wunderschöne Frau mit einem bezaubernden Lächeln sein. Ein einfacher Freund hätte es schon getan. Aber in einer schnelllebigen Welt werden solche Menschen rar.
M. kam folglich nicht zur kleinen Familienfeier, weil es ihm sonst ähnlich ergangen wäre wie einem afrikanischern Hirtenjunge, der New York besuche. Es käme einem Kulturschock gleich. An dem einem Tag verlor M. sich noch in seiner trostlosen, kargen Wohnung und am nächsten Tag fände er sich in einem warmen, belebten Raum wieder als Teil einer Gemeinschaft. Das hätte sein Herz sicherlich nicht ausgehalten. Es wäre am selben Abend noch voller Sehnsucht zerbrochen.
Um dieser Tragödie und gleichzeitig der tiefgreifenden Erkenntnis seiner Einsamkeit aus dem Weg zu gehen, hatte er sich deshalb in seiner trostlosen, kleinen Welt weiter verbarikadiert. Aber zu seinem Leid, konnten stärker als Illusionen sein. Denn sie trieben ihn schließlich raus - auf jenem Turm, wo er nun mit einer billigen Flasche Rotwein stand und zur Stadt hinabblickte.
In seinen Gedanken sang Chris Martin mit einer warmen, gefühlvollen Stimme....
In diesem Sinne: Fröhlich und besinnliche Feiertage an alle meine fleisigen Leserinnen und Leser. Ich hoffe ihr seid bei den Menschen, die ihr liebt.
Und nebenbei: Danke, dass es euch gibt :)
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