28.02.2012

Expressionistischer Wal

Aus den Notizen des Dr. Nephros Amenti. Sie entstanden vermutlich während der Zeit seiner großangelegten Studien über das Annehmen menschlicher Verhaltensweißen und -merkmale durch Tiere unter Berücksichtigung verschiedener Lebensbedingungen: 

7.2.12:
Ich sitze gerade (10.35 Laborzeit) zufällig neben einem großen Wal (Exemplar D94S), der sich dazu genötigt sieht, mich mit einem alten, stumpfen Bleistift, den er mir zuvor uneralubt entwendet hat, zu zeichnen. Sein Stil erinnert mich an den Expressionismus anfang des 20. Jahrhunderts. Ich frage ihn höflich, ob er mich in Denkerpose bzw. Hose abbilden könnte, weil dies meinen Intellekt sichtbarer mache. Er antwortet mir nicht. Hingegen stöhnt er immer wieder laut und angestrengt. Das Zeichnen überfordert ihn wohl. Tatsächlich ist seine Skizze weniger als ein Meisterwerk, sondern mehr als ein Unfall anzusehen. Aber was kann man von einem Wal anderes erwarten? 

Ich habe ihn zu Ende zeichnen lassen und bin mir jetzt sicher: Wir haben es hier nicht mit einem Edward Munch der Weltmeere zu tun.

Situation verändert sich auf einmal dramatisch: Der Wal verendet scheinbar. Jedenfalls deuten sein dumpfes Röscheln, der plötzlich heruntergfallene Bleistift und seine glasigen Augen daraufhin. Meine erste Vermutung: Er hat wohl, ohne dass ich es bemerkt habe, meine Notiz gelesen und sie arg zu Herzen genommen. Wahrscheinlich ist er im Innersten eine zerbrechliche Persönlichkeit und kann mit Kritiken nicht umgehen.
Falls sich diese Annahme bewahrheitet, muss die Beobachtung dringend mit einem dichtenden Wal mit ähnlicher Persönlichkeit wiederholt werden. Vermutlich könnte dieser mußische Bereich der Spezies nämlicher näher liegen. 

Nachtrag: 
Seine letzten Worte (11:03 Laborzeit) konnte ich wegen seinem Schmerzverzerrten Stöhnen und Schnaufen nicht ganz heraushören. Irgendetwas mit Raum und Zeit. Mehr konnte ich nicht verstehen Aber es bestärkt mich in der Annahme, dass die Malerie nicht zu seiner Persönlichkeit gepasst hat. Zudem bin ich bestrebt, eine dritte Beobachtung mit einem philosophierenden Exemplar zu planen. 

Vielleicht starte ich eine ganze Versuchsreihe, wenn es die Finanzen erlauben. 

Nachtrag 2: 
Obduktion um 16:37 Laborzeit ergab: Todesursache lag nicht an einer zerbrechlichen Persönlichkeit - im übertragenen Sinne. Trotzdem möchte die Beobachtung mit einem dichtenden Wal unbedingt wiederholen. Jedoch sollte ich beim nächsten Mal das zu beobachtende Exemplar in ein Wasserbecken setzen. Es könnte die Wahrscheinlichkeit eines drohenden Exitus verhindern. 



(Mit Dank an D. M.)

06.02.2012

Über Krieg

Der General: "Krieg ist immer politischer Natur. Jedenfalls auf dem Papier. Auf dem Schlachtfeld hingegen ist er menschlicher Natur - und mit 'menschlich' meine ich animalisch und bestialisch. Ich kann wirklich jeden davon abraten, den Wehrdienst anzutreten oder gar nach einer Offizierskarriere zu streben. So etwas ist keines jungen Mannes Leben wert."

Ich: "Aber wenn Sie so denken, warum sind Sie dann überhaupt der Armee beigetreten?"

Der General: "Ganz einfach: Weil ich früher noch nicht gedacht habe."

03.02.2012

Ruhe

Da lag M. nun im hohen Gras, die Arme weit von sich gestreckt und blickte mit schweren, schläfrigen Augen in das blasse Blau des Himmels. Langsam war sein Atem, schwach der Puls. Seine Gedanken waren alle verflogen. Stattdessen konzentrierte er sich einzig auf die Ruhe, die ihn zärtlich umarmt hatte. 
Ruhe - beinahe hatte er es vergessen, wie es sich anfühlte, außerhalb der Zeit zu schweben und dem reißerischen Strom der Veränderung zu entkommen. Es war ein entleerendes und erfüllendes Gefühl zugleich. Denn er fühlte sich befreit von jeglicher Gedankenlast, konnte endlich spüren, ohne zu fürchten. Erleben, ohne zu denken. Mit einem Mal hatte er das Gefühl, über der Welt zu schweben und auf die Geschehen hinab zu blicken. Dort war er ein Beobachter, der, weit genug vom Treiben der blauen Erde entfernt, Erkenntnisse erlangte, zu welchen ein Mensch durch simple Objektivität nie zu stande wäre.
Es zeigten sich ihm Verbindungen ungeahnten Ausmaßes. Es waren helle Bänder und Schleifen, die den Globus umgriffen. Dinge, die von der Erde aus betrachtet keinen Sinn machten, zeigten nun ihre wahre Gestalt und ihre fundamentale Bedeutung für das Weltgeschehen. Unsichtbares lies sich blicken und noch so einigesandere Besonderheiten, für die keine Worte existierten. Letztendlich jedoch schien alles eins zu sein. Und dieses eine floß. Es pulsierte, versickerte, veränderte sich auf rasante Weise. Von einem zum anderen Augenblick wurde die Welt zu einer anderen. Im Sekundentakt. Immer wieder. Ununterbrochen.
Dies alles sah M. und er verstand. Er begriff es zwar nicht mit seinem Geist, aber wie er das durchaus kuriose Schauspiel unter sich beobachtete, spürte er in seinem Inneren eine besondere Bestätigung, als ob auf einmal alles einen Sinn ergab, ohne es wirklich zu tun.
In diesem Augenblick jedoch holte ihn ein stechender Schmerz auf den Boden zurück. Er spürte den harten Boden, die Kälte um ihn herum. Rasch verloren sich die Erkenntnisse in seiner Panik, während der Schmerz sich gnadenlos in ihn hineinbohrte. Er wollte sich dagegen wehren, doch er besaß keine Kraft. Stattdessen lag er hilflos auf den Boden und musste erleben, wie er angeschossen verblutete.