Aus den Notizen des Dr. Nephros Amenti. Sie entstanden vermutlich während der Zeit seiner großangelegten Studien über das Annehmen menschlicher Verhaltensweißen und -merkmale durch Tiere unter Berücksichtigung verschiedener Lebensbedingungen:
7.2.12:
Ich sitze gerade (10.35 Laborzeit) zufällig neben einem großen Wal (Exemplar D94S), der sich dazu genötigt sieht, mich mit einem alten, stumpfen Bleistift, den er mir zuvor uneralubt entwendet hat, zu zeichnen. Sein Stil erinnert mich an den Expressionismus anfang des 20. Jahrhunderts. Ich frage ihn höflich, ob er mich in Denkerpose bzw. Hose abbilden könnte, weil dies meinen Intellekt sichtbarer mache. Er antwortet mir nicht. Hingegen stöhnt er immer wieder laut und angestrengt. Das Zeichnen überfordert ihn wohl. Tatsächlich ist seine Skizze weniger als ein Meisterwerk, sondern mehr als ein Unfall anzusehen. Aber was kann man von einem Wal anderes erwarten?
Ich habe ihn zu Ende zeichnen lassen und bin mir jetzt sicher: Wir haben es hier nicht mit einem Edward Munch der Weltmeere zu tun.
Situation verändert sich auf einmal dramatisch: Der Wal verendet scheinbar. Jedenfalls deuten sein dumpfes Röscheln, der plötzlich heruntergfallene Bleistift und seine glasigen Augen daraufhin. Meine erste Vermutung: Er hat wohl, ohne dass ich es bemerkt habe, meine Notiz gelesen und sie arg zu Herzen genommen. Wahrscheinlich ist er im Innersten eine zerbrechliche Persönlichkeit und kann mit Kritiken nicht umgehen.
Falls sich diese Annahme bewahrheitet, muss die Beobachtung dringend mit einem dichtenden Wal mit ähnlicher Persönlichkeit wiederholt werden. Vermutlich könnte dieser mußische Bereich der Spezies nämlicher näher liegen.
Nachtrag:
Seine letzten Worte (11:03 Laborzeit) konnte ich wegen seinem Schmerzverzerrten Stöhnen und Schnaufen nicht ganz heraushören. Irgendetwas mit Raum und Zeit. Mehr konnte ich nicht verstehen Aber es bestärkt mich in der Annahme, dass die Malerie nicht zu seiner Persönlichkeit gepasst hat. Zudem bin ich bestrebt, eine dritte Beobachtung mit einem philosophierenden Exemplar zu planen.
Vielleicht starte ich eine ganze Versuchsreihe, wenn es die Finanzen erlauben.
Nachtrag 2:
Obduktion um 16:37 Laborzeit ergab: Todesursache lag nicht an einer zerbrechlichen Persönlichkeit - im übertragenen Sinne. Trotzdem möchte die Beobachtung mit einem dichtenden Wal unbedingt wiederholen. Jedoch sollte ich beim nächsten Mal das zu beobachtende Exemplar in ein Wasserbecken setzen. Es könnte die Wahrscheinlichkeit eines drohenden Exitus verhindern.
(Mit Dank an D. M.)