02.06.2012

Zwischen uns

Zwischen uns stand eine Wand. Sie war zwar nur aus Glas, dennoch tat sie ihr bestes, um uns zu trennen. Trotz allem standen wir uns nahe - Schulter an Scheibe an Schulter - und blickten die, vor unseren Füßen liegende Felsenklippe hinab, an welcher wilde Wellen in Sekundentakt geräuschlos brandeten. 
Ich hörte deinen langsamen Atem in meinem Ohr, wie er meinen Verstand vernebelte und mich mit jedem Zug mehr wahnsinnig machte. Am liebsten hätte ich die Wand zwischen uns zerstört. Aber ich hatte Angst, dass uns die Glasscherben verletzen könnten - und sowieso besaß ich nicht die Kraft dazu, Grenzen einzureißen.  
Wir standen also wie angewurzelt da, nah beieinander und trotzdem getrennt. Du begannst allmählich mit deinen Armen zu pendeln. Es war nur eine kleine, zaghafte Bewegung. Doch ich sah sie aus den Augenwinkel, von wo  aus ich dich stets beobachtet hatte. Man sah dir deine innerliche Unruhe an. Du wurdest ungeduldig. Etwas drängte dich zum Handeln. Da blicktest du einfach zu mir herüber. Ich zuckte innerlich, regte mich aber äußerlich nicht. Das Glas würde zerspringen, wenn sich unsere Blicke kreuzten, befürchtete ich nämlich, ohne daran zu denken, welche Brücken Augenkontakte schlagen können.
So wandest du dich schließlich enttäuscht ab von mir und der Klippe und suchtest einen anderen Weg. Für einen kurzen Moment schaute ich dir nach. Ich erkannte meinen albernen Fehler und ging auch, jedoch in die entgegengesetzte Richtung. 

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen