10.08.2012

Meinem Notizbuch

Zu Ehren meines ersten Notizbuches, welches ich heute vollständig mit Ideen, Gedichten, Kurzgeschichten und manch einem philosophischen Gedankengang gefüllt habe, schrieb ich folgendes Gedicht:


Es ist vollendet! Es ist vollbracht!
Diese Zeilen widme ich dir:

Zwei lange Jahre hast nun du verbacht
Im dunklen Rucksack nah bei mir.
Viel zu lang durch schlechte Zeiten
Und viel zu kurz an guten Tagen
Trug ich dich selbst bei stürmend' Wetter
Wohin auch immer es mich trieb. 

Ja, Schaden nahmst du freilich viel,
So verzeih' mir meiner groben Hand,
(Aber nicht aus Herzensgüte)
Denn dann verzeih' ich es auch dir,
Dass zwischen deinen vielen Seiten
Selbst die schlechteste Geschichte
 Auf Ewig sich entfalten darf. 



09.08.2012

Über einen Fremden

Er trug ständig eine alte Gitarre mit sich. Das Seltsame war daran, dass er sie nie spielte. Ab und zu legte er sie bei  Seite, wenn er sich setzen wollte und nur wenig Platz zur Verfügung stand. Aber die Gitarre - Gott weiß warum - blieb immer in seiner Nähe. Vielleicht war es sein Glücksbringer, sein stiller Begleiter, ein Stück Erinnerung aus seinem früheren Leben. Vielleicht war es auch sein einziger Besitz, der ihm geblieben war.

Er erzählte nicht viel von sich. Nicht mal seinen Namen verriet er. Solche "Äußerlichkeiten", meinte er nur, seien ihm nicht wichtig. Ihn interessiere nur das Innere eines Menschen, seine Gedanken und Gefühle. Danach richte er sich - und danach wollte er auch gerichtet werden.
Seiner Gitarre gönnte er keinem Blick, als wäre sie eine Last, die er verdrängt, gar vergessen hätte. Natürlich wirkte das seltsam. Auch die Spielereien mit seinem Zylinder, den er nebenbei nie aufhatte, während er sprach, hinterliesen einen lustigen Eindruck.

Ständig redete er von Liebe, aber nicht die romantische Unterart, sondern über die Liebe im Allgemeinen. Die Liebe zum Menschen und dem Leben. Nach seiner Ansicht sei der Mensch kein Mensch mehr, sondern mache sich durch sein eigenes Werk, seine Erfindungen und Errungenschaften zur Sache, mache sich zu ihrem Sklaven. Er scheue die Freiheit und triebe sich freiwillig in Gefangenschaft von Zwängen. Seine Seele sei derart leer, dass nur Liebe sie füllen könne. Doch statt das zu erkennen, würde der Mensch seine Einsamkeit lieber in Konsum ertränken und sich dadurch immer weiter entfremden.

Er musste noch jung gewesen sein. Nur seine Augen waren voller Lebenserfahrung. Man sah ihnen ihre Erfahrungen an. Manchmal wirkten sie gar müde vom Leben, als ob sie endlich schlafen wollten. Wir nannten ihn irgendwann Erich. 

Dass er eines Tages ohne weiteres verschwand, hatten wir insgeheim erwartet, war er doch ohne Vorwarnung und ganz plötzlich in unser Leben getreten. Verändert hat er uns wenig, dazu war die Zeit zu kurz. Er hinterlies uns nur seine alte Gitarre und den Zylinder. Ich glaube, ab da an lebte er wirklich frei.