18.02.2013

Ein Weltbild

auf einem losen Blatt gekritzelt:
In dieser Welt gibt es nichts,
Was nicht existiert:

Wie die Kälte des Lichts,
Das dich von Innen erfriert,
Oder der Heilige Schein,
Für den man sein Leben riskiert, -
Hier siehst du Flüsse aus Wein,
Die aus dem Himmel entspringen,
Dort hörst du tobende Wellen
Wie der Engel Harfen erklingen
Und selbst die Hunde bellen,
Als ob sie die Sonne besingen -

Und du findest all das in jener Welt
Von der die Phantasie dir heimlich erzählt...

10.02.2013

Affekt

Sie hatten M. eine Weltreise versprochen, den Trip seines Lebens: über 50 Länder auf vier Kontinenten sollte er besuchen. In Großstädten sowie in Dörfern übernachten, niemals den Sonnenaufgang und -untergang am selben Ort erleben - so oder so ähnlich hatten sie es ihm versprochen und damit überredet in jenen Flieger zu steigen, der jetzt neben ihm zerschellt auf dem Boden lag.
M. hatte vor ein paar Stunden als einer der wenigen Passagiere einen Flugzeugabsturz überlebt, der sich über dem Pazifikraum ereignete. Die Gründe dafür sollten nie gänzlich aufgeklärt werden. Man wusste nur, dass die Maschine gerade über eine kleine, entlegene Inselkette flog, als sie rapide zu sinken begann. Zur Gleichen Zeit war der Funkkontakt mit dem Cockpit unterbrochen gewesen. Der Aufprall geschah um 10:33 Ortszeit und riss das Flugzeug in zwei Hälften, wo von die fordere sogleich in Brand geriet. Dadurch entzündete sich nach wenigen Minuten der Treibstoff. Es kam zur Explosion, die den größten Teil der zweiten Hälfte des Wracks zerfetzte.
Die Gefühle nach so einer Katastrophe mochte wohl nur derjenige Unglückliche beschreiben, der so etwas im Leben erlebt hatte. Man konnte jedoch annehmen, dass M.s Gefühl sicherlich niemand hätte empfinden können, der sich vor wenigen Stunden mit Schnitt und Quetschwunden aus einem brennenden Flugzeugwrack gerettet hatte. Weder Erleichterung, überlebt zu haben, noch Verzweiflung darüber, scheinbar irgendwo im Pazifik verloren zu sein, erfüllten ihn, sondern nur eines:
Wut. Nein. Hass. Puren Hass. Gegen diejenigen, die ihn auf diesen Flug geschickt hatten. M. war schon damals, noch bevor er der Reise zu gestimmt hatte, von einem seltsamen Gefühl beschlichen worden, dass es sich bei dem Angebot um eine Falle handeln könnte, wobei die Formulierung "Falle" natürlich übertrieben war - vor allem, weil M. keine paranoide Veranlagung besaß -, doch drückte sie eben das Gefühl am besten aus, welches sein Herz alle Zeit umklammert hielt, dass er diese Reise nicht überstehen würde. Doch sie hatten ihn überredet, indem sie ihm den Himmeln auf Erden versprachen und ihn blind für seine Befürchtungen machte. Wie dumm war er gewesen, ihnen zuzuhören! Ihnen sogar zu trauen!
Er hätte in diesem Moment am liebsten seinem früheren Ich in den Hintern getreten und im gleichen Zug denen, die ihm jene Katastrophe angedreht hatten, eine über die Rübe geschlagen. Aber dies war auf einer einsamen Insel außerhalb der Zivilisation schwer möglich. Er musste daher warten, wenigstens für das letztere, bis ein Schiff die Unglücklichen fand und sie zurück in die Heimat reisen konnten. Dort würde M. als erstes, noch ehe er seine Verwandten und Freunde wiedersah, in das Reisebüro gehen und dieses gründlich aufmischen - sofern es überhaupt noch existierte und nicht in die Hölle verschwand, woher es einst so plötzlich in sein Leben getreten war.

01.02.2013

Früher

"Früher war alles besser!" Weil  früher die Butter noch geschmeckt habe. Heute hieße die ja meist Magarite und sei pure Chemie. Dass oftmals Bio auf dem Produkt steht, beweise nichts. Die Produkte früher stammten nämlich allesamt vom Bauern und benötigten nimmer so ein dämliches Edikett. "Bio steht nur drauf, weil's sich so schön anhört." Ansonsten würde die bürgerliche Mittelschicht sie nicht kaufen.
Ach ja: die Mittelschicht. Diese Schicht aus lauter "Weicheiern" bestehe, die "Dinge kaufen, die sie nicht benötigen, geschweigedenn verstehen. Kein Rückgrad haben sie! Wählen grün, fühlen sich links und halten sich für bessere Menschen mit ihren Gerechtigkeitssinn. Sie wissen vieles besser, auch wenn sie's nicht kennen, empören sich über eigene Fehler und fühlen sich überhaupt groß, wenn sie Misstände einfach lauthals kritisieren." Das sei ja früher nicht passiert. Da habe man entweder gekuscht oder hat die Probleme angepackt. "Aber von dieser weichen Gesellschaft kann man das nicht mehr erwarten, die über Menschenrechte redet, weil es sich so toll anhört und Petitionen unterschreibt, um sich besser zu fühlen." Die Unterschrift sei die Almose der bürgerlichen Mitte, die sich nicht zutraut etwas zu verändern, gleichwohl sie Veränderungen verlange, von Leuten, denen man soetwas nicht abverlangen könne, weil sie kein Verantwortungsgefühl besäßen, sondern nur Gelder in der Tasche und noch weiteres innerhalb ihres begrenzten Vorstellungsvermögen.
"Das hätte es früher nicht gegeben!" Das hätte es früher nicht gegeben.