29.09.2014

Aufstiegsgedanken

Wir stehen immer kurz vor dem Abgrund: Ein Schritt nach vorne und wir stürzen ab. Ein Schritt nach hinten und wir stürzen ab. Ein falscher Schritt und wir stürzen einfach ab. Folglich stehen wir nicht am Abgrund, sondern wir haben den Gipfel eines Berges erreicht. Es gibt keinen Abgrund. Es gibt kein zurück. Es geht nur noch bergab.
Wir wollten einst an die Spitze und schießen nun über das Ziel hinaus. Was wir erreichen wollten, haben wir erreicht. Im Aufstieg verloren wir bereits den Boden unter den Füßen und nun, da wir alles überblicken sollten, blendet uns der Glanz der Sonne. Wir sehen nicht den Abgrund, nicht den Berg, nicht das Ende. Wir sehen die Sonne, den Himmel, und endlich ein neues Ziel.
Unser Hochmut mag uns zur Fall bringen, doch wir wollen mehr. Die Himmelsleiter ist nicht fern. Sie ist sogar zum greifen nah. Wir müssen nur einen Schritt wagen und hoffen, dass er der richtige ist. Aber wenn wir ihn schaffen, dann ist nicht mal mehr der Mond vor uns sicher.
Also werden wir nicht fallen. Nicht hier. Nicht jetzt. Denn wir stehen weder am Gipfel, noch am Abgrund oder vor einem Ende. Vor uns befindet sich die nächste Stufe, die wir erklimmen müssen, und dahinter die nächste Ebene, die zu betreten ist. Und irgendwo hinter den unzählbaren Treppenstufen und oberhalb der endlosen Dächern dieser Welt, werden wir schließlich das Unbegreifliche erreicht haben. Daran glauben wir.
Wir kennen kein Zurürck und wage nur das Ziel. Unser Gefühl sagt uns: „Weiter!“ und wir gehorchen. Wir sind Getriebene. Wir sind Begehrende. Wir sind Verblendete, dem Wahnsinn Verfallende, dem Kitzel des Neuen Erlegende. Weiter, höher, alles überragen und dann doch nach Höherem sehnen. Der Weg ist das Ziel. Die Erfüllung liegt in der Tat. Stillstand reißt uns aus der Ekstase. Doch wirklich befreit sind wir erst, wenn wir endlich fallen.