Zu Zeiten der großen Kriege kämpfte der Zauberer auf seine eigene Art und Weise: nämlich mal auf der einen, mal auf der anderen Seite. So erlebte er Siege und Niederlagen, erlangte Ruhm und Ehre, verlor Kameraden und Freunde, wurde hier vom Hochmut gepackt, kostete dort den Hauch des Todes, spürte überhaupt Hunger, Elend, Leid, Vergnügen und Erleichterung – kurz: all das, was den Krieg in Erzählungen und Berichten aus machte, versuchte er in Erfahrung zu bringen. Dass er keiner Seite treu blieb, im Gegenteil sogar wahllos hin und her sprang, an dem einen Tag eine Seite bekämpfte, um sie am nächsten Tag zu verteidigte, das sorgte für Misstrauen unter den Soldaten und Kriegern. Besonders ihre Anführer witterten Verrat. Doch sie nahmen ihn immer wieder in ihren Reihen auf, da sie seine Kräfte zu brauchen glaubten, mehr noch als es den Feinden missgönnten.
Irgendwann nach einer verloren Schlacht und abends am Lagerfeuer eines der Heere, entdeckte ein junger Mann den Zauberer unter seinen Kameraden. Aber erkannte in ihm nicht den Zauberer, sondern einen Feind, gegen den er Tage zuvor gekämpft und verloren hatte. Erst zögerte er, schaute sich um und sah: Er war alleine mit seiner Beobachtung. Niemand bemerkte den Feind, niemand außer ihm.
Da stampfte er wütend auf, sprang zu unseren Zauberer und bedrohte ihn mit gezogener Waffe. Nervös blickte sich der junge Mann um. Möge doch jemand endlich erkennen! Aber seine Kameraden tuschelten und lachten über das Schauspiel, sofern sie überhaupt ein Interesse daran zeigten.
Und so wurde der junge Mann noch böser und rief: „Verräter! Warum sieht niemand den Verräter vor meinen Füßen?“ Er erntete nur Gespött. „Was lacht ihr? Gestern hatte ich ihn bekämpft! Und heute soll er meinen Rücken geschützt haben? Ich irre mich nicht! Sein Blut klebt noch immer an meinen Händen und mein Blut an seinen. Er ist ein Verräter! Er ist der Feind! Ergreift ihn!“ Nun er erntete bloß Schweigen. „Also was ist? Ergreifen wir den Verräter? Oder soll ich ihn gleich hier erledigen?“ Immer noch Schweigen. „Sagt was, Kameraden! Lasst mich nicht alleine mit ihm.“
Endlich räusperte sich einer seiner Waffenbruder. „Du irrst dich nicht. Gestern hattest du gegen ihn gekämpft. Ich auch. Und heute beschützte er deinen und meinen Rücken. Doch er ist kein Verräter. Darin irrst du dich. Der, der vor deinen Füßen sitzt, ist kein Feind. Er ist der Zauberer dieser Ländereien und war heute dein Kamerad.“
Der junge Mann blickte nun auf den Zauberer vor sich und glaubte nichts. Nicht seinem Waffenbruder, aber auch nicht seinem Verstand. Er wusste nicht weiter und blieb hilflos stehen. Seine Waffe bedrohte weiterhin den Zauberer, der so regungslos ins Feuer starrte wie alle anderen Anwesenden. Erst nach langem Schweigen, regte sich der scheinbare Verräter. Er schob die Waffe vor seinen Auge zur Seite und stand auf. Der junge Mann erstarrte. Die Furcht, die ihn überkam, flösste ihm nicht die Größe des Zauberers ein, weder seine Macht, noch seine Worte. Es waren seine Augen, die ihn verängstigten. In ihnen schien der Schmerz tausender Menschen gesammelt zu sein.
„Gestern kämpften wir gegen einander und du starbst nicht“, sagte der Zauberer leise. „Heute verteidigte ich deinen Rücken und du starbst nicht.“ Es herrschte Stille am Lagerfeuer. „Bin ich Gegner oder Verbündeter? Ich sage, dass ich ein Mensch bin. Es gibt Zeiten, in denen Freunde und Feinde das selbe sind. Wir alle erleiden die gleichen Wunden und das jeden Tag aufs Neue. Sei erleichtert, am Leben zu sein. Sei dankbar, noch einmal die Sonne aufgehen sehen zu dürfen und feiere, wenigstens einige deiner Kameraden um dich zu haben.“
Der Zauberer machte einen Schritt neben den sprachlosen Soldaten. „Ich weiß nicht, was morgen passieren wird. Vielleicht kämpfen wir wieder gegeneinander. Vielleicht schütze ich noch immer deinen Rücken. Vielleicht sehen wir uns gar nicht mehr. Aber das ist nicht von Bedeutung.“ Nun verließ der Zauberer die Feuerstelle und verschwand in der Dunkelheit, die sich um das Lager aufgebaut hatte. Kurz zuvor jedoch sprach er diese letzten Worte: „Von Bedeutung ist, nicht nur zu überleben.“
Und so brach langsam die Zeit des großen Unmuts an, in der kein Krieger und kein Soldat mehr kämpfen wollte. Was niemand sah, aber jeder hoffte: Die Jahre des Krieges sollten bald vorbei sein.
Eines Tages, es geschah kurz vor Kriegsende, wurde unser Zauberer gefragt: Warum? Warum tat er das alles? Warum kämpfte er? Warum wechselte er beständig die Seiten? Warum nahm er Teil an dem Leid, das er doch in Friedenszeit schwor zu bekämpfen? Natürlich hörte der Zauberer diese Fragen seit Beginn des Krieges. Aber jetzt erst, nach Jahren anhaltender Katastrophen, antwortete er: „Ich wollte verstehen.“ Und er fügte hinzu: „Sollte ich mich denn zurück ziehen, als die Not der Menschen am größten war?“ Er sprach für viele in Rätseln und es dauerte seine Zeit, bis sie ihn verstanden: Er musste mit ihnen leiden, um auch die verborgenen Wunden des Krieges heilen zu dürfen.
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