30.12.2015

Mein letzter Blogpost:

Oder: Willkommen! (in der Sackgasse)

Zugegeben: Es kostet mich etwas Überwindung, mit diesem Blog abzuschließen. Nachdem ich es seit gut 5 Jahren betrieben habe, ist es quasi zu einem Teil meines Lebens geworden, von dem ich mich instinktiv nicht trennen möchte. Aber Aus Gedankenwelten ist eigentlich kein Teil meines Lebens mehr. Es ist bereits Geschichte geworden, eine abgeschlossene Phase. Nur will das der Bewahrer in mir noch nicht wahr haben. Dabei prägt dieses Blog schon längst nicht mehr meiner schriftstellerischen Identität.
Das heißt nicht, dass ich mit dem Schreiben ganz aufgehört habe. Bloß bin ich aus dieser Art von Blog einfach heraus gewachsen. Würde ich mich in den folgenen Wochen auf das kreatives Schreiben konzentrieren, so würden meine Produkte einfach nicht mehr hier reinpassen. Nicht nur ihnhaltlich, sondern auch konzeptionell: Dieses Blog war eigentlich nur ein Sammelsurium von Texten aus einer sehr, sehr, sehr spätpubertären Zeit (und ein wenig darüber hinaus).
Im Jahr 2011 und den Monate davor, hatte ich eine Menge von solchen Texten geschrieben und in den folgenden Monaten sollten noch zahlreiche hinzukommen. Leider hat sich dieser Zustand nicht bis ins Jahr 2015 gehalten. Ich weiß nicht, woran es genau lag, aber spätestens seit Beginn meines Studiums im Wintersemester 2013/14 brach die Zahl meiner Blogbeiträge massiv ein. 2015 versuchte ich zwar noch mal, jeden Monat einen Text zu schreiben, doch auch dieses Vorhaben ist bald eingeschlafen und wenn ich ehrlich bin, wird es in naher Zukunft nicht mehr besser werden.
Vielleicht werde ich irgendwann wieder meine Texte im Internet veröffentlichen. Vielleicht geschieht das sogar früher als später. Aber auf jeden Fall werden diese nicht hier erscheinen. Ich will keinen Blog mehr als Ablageplatz nutzen, sondern als Medium. Dafür braucht es Konzept, Idee und Zeit. Alles drei war hier nicht vorhanden und bevor ich mir die Mühe mache, dieses Blog aus seiner Sackgasse zu manövrieren, entwerfe ich mir lieber ein neues. 
Bei meinen früheren und noch jetzigen Stammlesern, falls es überhaupt welche durchgehalten haben, bedanke ich mich. Knapp 5800 Hits in 5 Jahren muten zwar beschaulich an, aber heben trotz allem das Selbstbewusstsein. Dieser Blog bleibt natürlich für eine längere, ungewisse Zeit online. Falls in nächster Zeit noch Leser dazukommen sollten, denen mein aufrichtiges Beileid. Seid ihr auf den Geschmack gekommen, so folgt mir doch auf Twitter [@Re_Ander]. Dort erfahrt ihr mit hoher Wahrscheinlichkeit als erstes, wenn ich ein neues Projekt starten sollte.
Ansonsten war's das jetzt von meiner Seite. Zu einem runden Abschuss dieses Beitrags und dieses Blogs, möchte ich nur noch eine Liste mit meinen lieblings Texten und Gedichten liefern, die sich so in Verlauf der Jahre angesammelt haben. Eine Top 10 sozusagen. Ich wünsche viel Spaß beim Lesen! 


Chance











08.11.2015

Der Herr der Liebe

Man nannte ihn den Herrn der Liebe, den menschlichen Eros, den Hirten und Vater mit dem Gesicht eines Kindes, derjenige, wenn er ein mal einen Raum betritt, alle Anwesenden mit einer solchen Wärme überflutete, die nur eine Mutter zu spenden vermochte. Er galt nicht als schön, nicht als besonders, nicht als reich. Er sprach nie viel. Aber wenn er es tat, dann hörten sie ihm in Scharen zu. Seine Worte, weise und unbekümmert, küssten ihre Ohre. Sie waren sein Zauber, dem seine Anhänger unterlagen und seine Gegner verführte. Diese sogen sie begierig auf, verinnerlichten sie wie Dogmen und befolgten sie wie Naturgesetze. Er war ihr Prophet. Sie seine Jünger. Er gab. Sie nahmen. Er schenkte ihnen Liebe, lehrte sie Zuneigung, trieb ihnen Hass und Abneigung aus, als wären es verruchte Dämonen. Und sicher wollten sie ihn lieben, aus Ehrfurcht seine Füße küssen, zur Unterstützung seine Hände ergreifen, aus Zuneigung ihm Nähe schenken. Doch er erlaubte es nicht. Niemand hatte ihn je berührt und niemals sollte dies geschehen. Der, der die größte Liebe schenkte, war der, der vergleichbares nie erreichte. Er scheute sie, wie der Teufel das Weihwasser, nur nicht aus Angst, sondern aus reinem Willen. Doch selbst das dürfte nur die halbe Wahrheit gewesen sein: Liebe war ihm egal. Er brauchte sie, wollte sie, kannte sie nicht. Er war der Herr der Gleichgültigkeit der, der nichts fürchtete, weil er nichts zu verlieren hatte, der der nichts wollte, weil er nichts zu begehren hatte, der, den die reißenden Stürme der Geschichte bereits vor langen Jahren aufgezehrt hatten, ein wandelnder Körper, ohne Antriebe, Wünsche oder Sehnsüchte. Hätte er nicht Liebe gepredigt, es wäre Hass gewesen und er zum Herr des geworden. 

28.06.2015

Kein Einlass

Einsam auf dem Platz der Feste
Kein Besuch und keine Gäste,
Nur wir in quälend stiller Trauer
Vor jener schicksalhaften Mauer,
Für die kein Einlass existiert

Aufgehalten auf unseren Wegen,
Hoffnungslos im kalten Regen,
In des Paradieses großen Garten
Müssen wir verzweifelt warten.
Dass uns jemand Einlass gibt.

Und oben auf den hohen Mauern,
Vor der wir leise leidend kauern,
Wacht mit grauenvoller Gewalt,
eisern jene erhabene Gestalt
Die uns niemals Einlass gibt.

30.05.2015

Eine Kunst für sich

Ach die Unsicherheit! Wer kennt sie nicht?
Wenn eine solche Schönheit mit dir spricht,
Die du vielleicht berührt, aber nie gefasst,
Die du gesehen, aber nie ganz gesehen hast,
Wenn prickelnde Atmosphäre aus neckischen
Blicken und intelligenten Witzen als Nischen
Zu traum- und lebhaften Nächten paralysiert,
Sodass vielleicht vieles, nur nicht es passiert.
Damit ist das Trauerspiel schon angebrochen:
Du lavierst gekonnt durch Phrasen gestochen
Scharfer Äußerlichkeiten. „Wie geht’s dem
Bruder, wie der Schwester?“ „Wie ehedem,
Es hat sich nichts geändert.“ Ein Lippenbiss
Folgt auf jede Peinlichkeit in Wort, das fällt.
Zu flirten ist die schwerste Kunst der Welt.

15.04.2015

Vom Leben in der Krise

Er war das Kind einer immer währenden Krise, die an jenem Tag begann, als seine Mutter ihre Schwangerschaft bemerkte. Das war die erste große Katastrophe in ihrem jungen Leben, dicht gefolgt von der zweiten, noch gewaltigeren Katastrophe: der Abstieg in die beinahe absolute Armut. Die Wirtschaft ging zu dieser Zeit zu Grunde, riss den Staat mit sich und damit die gesamte Gesellschaft. Sie gehörte zu den ersten Opfern, dieser fatalen Kettenreaktion. Wie konnte man unter diesen Umständen ein Kind gebären, geschweige denn groß ziehen? Eine Abtreibung brachte sie nicht übers Herz. Aber das Kind wollte, konnte sie nicht behalten. Daher verließ sie heimlich das Krankenhaus – ohne ihren frisch geborenen Sohn und nebst einer unbezahlten Rechnung, die niemand begleichen werden sollte. 
Er war ein ungewolltes Kind, geboren zu Beginn einer immer währenden Krise und von aller Liebe verlassen. Das Krankenhaus schickte ihn gleich ins überfüllte Waisenhaus. Er war nicht das erste Neugeborene, das von seinen Eltern vergessen wurde. Aber er gehörte zu den wenigen, die keine neuen fanden. Er wirkte nie süß. Im Gegenteil sah man ihm seine Blödheit schon im Gesicht an. Dafür konnte er natürlich nichts. Aber es brachte ihm auch nichts. Behinderte Kinder besaßen wenigstens einen Mitleid-Bonus. So fanden diese ihre Abnehmer in reichen, kinderlosen Paaren, die etwas gutes bzw. menschliches tun wollten. Mit dummen Kindern hingegen wollte niemand etwas zu tun haben. Sie sind grob, unbeholfen und schwierig zu handhaben und später nutzten sie als Bettler und Sozialschmarotzer nicht mal dem Staat. Man sagt, dass jedes Kind wertvoll sei. Aber das stimmt nicht. Dumme Kinder werden nicht geliebt. 
Er war ein solches dummes Kind, geboren zu Beginn einer immer währenden Krise ohne Aussicht auf eine Zukunft. Während ein Leidensgenosse nach dem anderen Zuflucht in einem neuem zu Hause fand, musste er zwischen gereizten Erzieherinnen und kargen Mahlzeiten groß werden. Werdende Eltern kamen und gingen. Freundschaften entstanden und lösten sich im nächsten Augenblick unwiederbringlich auf. Als kleines Kind akzeptierte er diesen ganzen Zirkus, weil er ihn nicht begriff. Aber auch dumme Kinder lernen und er lernte recht schnell, dass er überflüssig war: Keine Freunde, keine Erfolge, keine Liebe, kein Vertrauen. Wo war sein Platz in dieser Welt? Eine der Erzieherinnen lachte bitterlich, als er sie fragte: Das wisse nur der Herr Gott! Aber selbst Gott wusste damals nicht alles. 
Er war ein verlorenes Kind, geboren zu Beginn einer immer währenden Krise und auf einer rastlosen Suche. Die Katastrophen nahmen nicht ab. Der Staat musste weiter sparen. Das Waisenhaus war zu teuer. Und nun stellte er auch noch Ballast da, dass es kostengünstig zu beseitigen galt. Einen neuen Unterschlupf fand er in einem noch größeren, noch volleren Waisenhaus. Aber dort sollte er nicht mehr lange verweilen. Gerade als der Direktor zu einem Diktator mutierte – aus Überforderung, versteht sich – entfloh er dem System. Er war vielleicht eine Belastung, doch er wollte nicht zum Spielball eines Tyrannen werden. Nur wohin? Die Welt draußen stand nach 15 Jahren am Abgrund. Alles bettelte um Geld, als wäre es die Luft zum Atmen. Er verlangte nur nach Freiheit und fand zu seiner Überraschung einen Job. Zum ersten und letzten mal in seinem Leben fiel dem ungeliebten, dummen Kind ein wenig Glück in den Schoss: Er durfte arbeiten. Er war nützlich. Er fand endlich einen Platz, eine Wohnung, eine Erfüllung. Die Krise macht keinen Unterschied zwischen Menschen. Sie trifft alle. Doch manchen gewährt sie temporäre Amnestie. Andere riss sie ins Verderben, wie z.B. seinen Arbeitgeber, der sich unter dem Druck der Schulden alsbald die Kugel gab. Mit einem lauten Knall fiel das glückliches Leben unseres Protagonisten wie ein Kartenhaus zusammen. Er landete ungebremst auf der bereits ohnehin überfüllten Straße. 
Und da war er wieder: das hilflose Kind, geboren zu Beginn einer immer währenden Krise ohne Hoffnung auf Rettung. Denn nun zählte er zu den Erwachsenen und konnte auf keinerlei Unterstützung mehr setzen. Er war auf sich allein gestellt in einer qualvoll verendenden Welt. Man sagt: Jeder sei seine Glückes Schmied. Das stimmt! Aber nicht jeder hat das nötige Talent und nur die Reichen können sich die passenden Werkzeuge leisten. Ein dummes Kind wie er konnte nicht mal das Feuer entfachen, geschweige denn die Glut erhalten. Aber statt ihm deswegen zu helfen, hielt man ihm gerade dies vor. Man las, sah und hörte es überall: Er als Obdach- und Arbeitsloser sei nutzlos. Er wäre zu nichts zu gebrauchen. Er hätte nichts aus sich gemacht. Er könne nichts aus sich machen. Er sei eine Belastung für alles und jeden. Man hasste, verachtete oder verspottete ihn. Sie warfen ihm Dummheit vor, für die er nichts konnte. Sie warfen ihm Fehlverhalten vor, auch wenn er nie das richtige Handeln gelernt hatte. Sie warfen ihm Nutzlosigkeit vor, obwohl er nicht mal seinen Platz in der Welt kannte. 
Er war nur ein ungewolltes, dummes, verlorenes, ungeliebtes, hilfloses Kind, geboren zu Beginn einer immer währenden Krise, vergeblich auf der Suche nach Zukunft, Sinn und Erlösung in seinem kläglichen Leben. Die Gesellschaft brauchte ihn nicht. Er hasste sie deswegen. Aber noch mehr hasste er sich selbst, weil ihm nichts gelang. Er stellte für sich und seine Umwelt nur eine einzige Belastung da. Wo war sein Platz im der Welt? Er wusste keine Antwort. Stattdessen kam ihm nur das bittere Lachen der Erzieherin von damals in den Sinn und er verlor sich endgültig in schmerzerfüllten Weinen.

***

Als man Tags darauf seine Leiche fand, machte man sich keine Mühe herauszufinden, woran er eigentlich gestorben war. Niemand kannte ihn, niemand brauchte ihn und so fragte auch niemand weiter nach. Auf diese Weise kostete er dem zerfallenden Staat nur weniger Geld. Er erhielt wie jeder einsame Tote ein schlichtes, trostloses Begräbnis am Rande der Stadt. Natürlich war damals bis auf Priester und Totengräber niemand zu Gegend. Doch man erzählt sich bis heute, dass eine ältere Frau noch Stunden nach der Zeremonie an seinem Grab stand und bitterlich weinte. Die Krise des Staates hingegen, kam in jener Zeit zu ihrem jähen Ende und man hörte bereits leise ein erleichtertes Aufatmen in den Straßen des Landes. Ab da an konnte es nur noch besser werden.

20.03.2015

Liebe eines Zeitreißenden

100 Zeitalter musste er durchleben, 1000 Jahre Geschichte durchschreiten, bis er gefunden hatte, was er suchte, ohne zu wissen, dass er sich überhaupt nach etwas sehnte. Es benötigte sie alleine, damit sich ihm sein eigenes Herz öffnen konnte und nun erst erkannte er, wie verloren er durch die Jahrhunderte geirrt war. Er hatte mal diese, mal jene Epoche besucht, ohne den Wunsch zu verspüren, sesshaft zu werden. In keiner Ära war ein heimatliches Gefühl aufgekommen. Niemals hatte sich ihm der Gedanke aufgedrängt: „Das ist mein Jahzehnt.“ Rückblickend betrachtet war er wie aus der Zeit gefallen. Wie ein hilfloses Schiff war er durch die Stürme der Geschichte geirrt. Aber jetzt wusste er, dass er im sicheren Hafen angekommen war. Seine endlose Odyssee durch die Historie fand schließlich ein Ende und sie - sie spielte den Anker, der ihn endgültig an ihre eine Zeit binden sollte.

19.02.2015

Ansprache des Realisten

Realität ist ein trauriges Etwas,
Ein grauenvoll grauer, fader Fraß,
krankhaft, kalt für kindliche Augen.
Sinnentleert und zu nichts taugend,
Führt sie uns in einen trostlosen Tod.

Ihre Sprache ist das monotone
Murmeln der Uhren. Sie dröhnen
Uns bedrohlich in beiden Ohren
Und wir spüren ihr stetiges Bohren
Tief in unseren hölzernen Herzen.

Realität ist ein langweiliges Leben,
ein Brachland der Seele, der kein Beben,
Wohlig wiegende Wallungen bringt.
Kein Saite, die aufgeregt schwingt:
Sie spielen alle still eine Melodie.

Der Tod ist uns gleichermaßen nah
Wie fern. Wir sind uns seiner gewahr,
Wie der Geburt. Beide sind Realität.
Und beide ereilen uns früh oder spät.
Und bringen uns keine Befreiung.


11.01.2015

Über einen endlosen Kampf

Was ist aus uns zweien bloß geworden? Was waren wir den je gewesen? Jedenfalls mehr als jener Abgrund, der mittlerweile zwischen uns klafft. In ihn passen alle bösen Blicke, alle Wörter, Steine und Patronenhülsen, mit denen wir uns seit jeher bekriegten. Und wir bekriegten uns seit langem. Der erste Kampf kostete uns noch Überwindung. Nach unzähligen Schlachten und Leiden verheißt der letzte Kampf jedoch Erlösung. Von uns werden wir jedoch nicht befreit. Keine Schlucht ist breit genug, dass wir uns nicht sehen, nicht hören, nicht bekämpfen könnten. Einzig der Tod mag uns für immer trennen. Das gilt für unsere Körper. Ihnen bringt er Ruhe. Den Hass aus unseren Seelen kann er hingegen nicht austreiben. Das können nur wir selbst und ein jeder für sich.