Er war das Kind einer immer währenden Krise, die an jenem Tag begann, als seine Mutter ihre Schwangerschaft bemerkte. Das war die erste große Katastrophe in ihrem jungen Leben, dicht gefolgt von der zweiten, noch gewaltigeren Katastrophe: der Abstieg in die beinahe absolute Armut. Die Wirtschaft ging zu dieser Zeit zu Grunde, riss den Staat mit sich und damit die gesamte Gesellschaft. Sie gehörte zu den ersten Opfern, dieser fatalen Kettenreaktion. Wie konnte man unter diesen Umständen ein Kind gebären, geschweige denn groß ziehen? Eine Abtreibung brachte sie nicht übers Herz. Aber das Kind wollte, konnte sie nicht behalten. Daher verließ sie heimlich das Krankenhaus – ohne ihren frisch geborenen Sohn und nebst einer unbezahlten Rechnung, die niemand begleichen werden sollte.
Er war ein ungewolltes Kind, geboren zu Beginn einer immer währenden Krise und von aller Liebe verlassen. Das Krankenhaus schickte ihn gleich ins überfüllte Waisenhaus. Er war nicht das erste Neugeborene, das von seinen Eltern vergessen wurde. Aber er gehörte zu den wenigen, die keine neuen fanden. Er wirkte nie süß. Im Gegenteil sah man ihm seine Blödheit schon im Gesicht an. Dafür konnte er natürlich nichts. Aber es brachte ihm auch nichts. Behinderte Kinder besaßen wenigstens einen Mitleid-Bonus. So fanden diese ihre Abnehmer in reichen, kinderlosen Paaren, die etwas gutes bzw. menschliches tun wollten. Mit dummen Kindern hingegen wollte niemand etwas zu tun haben. Sie sind grob, unbeholfen und schwierig zu handhaben und später nutzten sie als Bettler und Sozialschmarotzer nicht mal dem Staat. Man sagt, dass jedes Kind wertvoll sei. Aber das stimmt nicht. Dumme Kinder werden nicht geliebt.
Er war ein solches dummes Kind, geboren zu Beginn einer immer währenden Krise ohne Aussicht auf eine Zukunft. Während ein Leidensgenosse nach dem anderen Zuflucht in einem neuem zu Hause fand, musste er zwischen gereizten Erzieherinnen und kargen Mahlzeiten groß werden. Werdende Eltern kamen und gingen. Freundschaften entstanden und lösten sich im nächsten Augenblick unwiederbringlich auf. Als kleines Kind akzeptierte er diesen ganzen Zirkus, weil er ihn nicht begriff. Aber auch dumme Kinder lernen und er lernte recht schnell, dass er überflüssig war: Keine Freunde, keine Erfolge, keine Liebe, kein Vertrauen. Wo war sein Platz in dieser Welt? Eine der Erzieherinnen lachte bitterlich, als er sie fragte: Das wisse nur der Herr Gott! Aber selbst Gott wusste damals nicht alles.
Er war ein verlorenes Kind, geboren zu Beginn einer immer währenden Krise und auf einer rastlosen Suche. Die Katastrophen nahmen nicht ab. Der Staat musste weiter sparen. Das Waisenhaus war zu teuer. Und nun stellte er auch noch Ballast da, dass es kostengünstig zu beseitigen galt. Einen neuen Unterschlupf fand er in einem noch größeren, noch volleren Waisenhaus. Aber dort sollte er nicht mehr lange verweilen. Gerade als der Direktor zu einem Diktator mutierte – aus Überforderung, versteht sich – entfloh er dem System. Er war vielleicht eine Belastung, doch er wollte nicht zum Spielball eines Tyrannen werden. Nur wohin? Die Welt draußen stand nach 15 Jahren am Abgrund. Alles bettelte um Geld, als wäre es die Luft zum Atmen. Er verlangte nur nach Freiheit und fand zu seiner Überraschung einen Job. Zum ersten und letzten mal in seinem Leben fiel dem ungeliebten, dummen Kind ein wenig Glück in den Schoss: Er durfte arbeiten. Er war nützlich. Er fand endlich einen Platz, eine Wohnung, eine Erfüllung. Die Krise macht keinen Unterschied zwischen Menschen. Sie trifft alle. Doch manchen gewährt sie temporäre Amnestie. Andere riss sie ins Verderben, wie z.B. seinen Arbeitgeber, der sich unter dem Druck der Schulden alsbald die Kugel gab. Mit einem lauten Knall fiel das glückliches Leben unseres Protagonisten wie ein Kartenhaus zusammen. Er landete ungebremst auf der bereits ohnehin überfüllten Straße.
Und da war er wieder: das hilflose Kind, geboren zu Beginn einer immer währenden Krise ohne Hoffnung auf Rettung. Denn nun zählte er zu den Erwachsenen und konnte auf keinerlei Unterstützung mehr setzen. Er war auf sich allein gestellt in einer qualvoll verendenden Welt. Man sagt: Jeder sei seine Glückes Schmied. Das stimmt! Aber nicht jeder hat das nötige Talent und nur die Reichen können sich die passenden Werkzeuge leisten. Ein dummes Kind wie er konnte nicht mal das Feuer entfachen, geschweige denn die Glut erhalten. Aber statt ihm deswegen zu helfen, hielt man ihm gerade dies vor. Man las, sah und hörte es überall: Er als Obdach- und Arbeitsloser sei nutzlos. Er wäre zu nichts zu gebrauchen. Er hätte nichts aus sich gemacht. Er könne nichts aus sich machen. Er sei eine Belastung für alles und jeden. Man hasste, verachtete oder verspottete ihn. Sie warfen ihm Dummheit vor, für die er nichts konnte. Sie warfen ihm Fehlverhalten vor, auch wenn er nie das richtige Handeln gelernt hatte. Sie warfen ihm Nutzlosigkeit vor, obwohl er nicht mal seinen Platz in der Welt kannte.
Er war nur ein ungewolltes, dummes, verlorenes, ungeliebtes, hilfloses Kind, geboren zu Beginn einer immer währenden Krise, vergeblich auf der Suche nach Zukunft, Sinn und Erlösung in seinem kläglichen Leben. Die Gesellschaft brauchte ihn nicht. Er hasste sie deswegen. Aber noch mehr hasste er sich selbst, weil ihm nichts gelang. Er stellte für sich und seine Umwelt nur eine einzige Belastung da. Wo war sein Platz im der Welt? Er wusste keine Antwort. Stattdessen kam ihm nur das bittere Lachen der Erzieherin von damals in den Sinn und er verlor sich endgültig in schmerzerfüllten Weinen.
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Als man Tags darauf seine Leiche fand, machte man sich keine Mühe herauszufinden, woran er eigentlich gestorben war. Niemand kannte ihn, niemand brauchte ihn und so fragte auch niemand weiter nach. Auf diese Weise kostete er dem zerfallenden Staat nur weniger Geld. Er erhielt wie jeder einsame Tote ein schlichtes, trostloses Begräbnis am Rande der Stadt. Natürlich war damals bis auf Priester und Totengräber niemand zu Gegend. Doch man erzählt sich bis heute, dass eine ältere Frau noch Stunden nach der Zeremonie an seinem Grab stand und bitterlich weinte. Die Krise des Staates hingegen, kam in jener Zeit zu ihrem jähen Ende und man hörte bereits leise ein erleichtertes Aufatmen in den Straßen des Landes. Ab da an konnte es nur noch besser werden.
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