08.11.2015

Der Herr der Liebe

Man nannte ihn den Herrn der Liebe, den menschlichen Eros, den Hirten und Vater mit dem Gesicht eines Kindes, derjenige, wenn er ein mal einen Raum betritt, alle Anwesenden mit einer solchen Wärme überflutete, die nur eine Mutter zu spenden vermochte. Er galt nicht als schön, nicht als besonders, nicht als reich. Er sprach nie viel. Aber wenn er es tat, dann hörten sie ihm in Scharen zu. Seine Worte, weise und unbekümmert, küssten ihre Ohre. Sie waren sein Zauber, dem seine Anhänger unterlagen und seine Gegner verführte. Diese sogen sie begierig auf, verinnerlichten sie wie Dogmen und befolgten sie wie Naturgesetze. Er war ihr Prophet. Sie seine Jünger. Er gab. Sie nahmen. Er schenkte ihnen Liebe, lehrte sie Zuneigung, trieb ihnen Hass und Abneigung aus, als wären es verruchte Dämonen. Und sicher wollten sie ihn lieben, aus Ehrfurcht seine Füße küssen, zur Unterstützung seine Hände ergreifen, aus Zuneigung ihm Nähe schenken. Doch er erlaubte es nicht. Niemand hatte ihn je berührt und niemals sollte dies geschehen. Der, der die größte Liebe schenkte, war der, der vergleichbares nie erreichte. Er scheute sie, wie der Teufel das Weihwasser, nur nicht aus Angst, sondern aus reinem Willen. Doch selbst das dürfte nur die halbe Wahrheit gewesen sein: Liebe war ihm egal. Er brauchte sie, wollte sie, kannte sie nicht. Er war der Herr der Gleichgültigkeit der, der nichts fürchtete, weil er nichts zu verlieren hatte, der der nichts wollte, weil er nichts zu begehren hatte, der, den die reißenden Stürme der Geschichte bereits vor langen Jahren aufgezehrt hatten, ein wandelnder Körper, ohne Antriebe, Wünsche oder Sehnsüchte. Hätte er nicht Liebe gepredigt, es wäre Hass gewesen und er zum Herr des geworden. 

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